Jaroslawl

Tag Vierzehn: Jaroslawl (Яросла́вль)

Unser Spruch des Tages:
Die Menschen stolpern nicht über Berge,
sondern über Maulwurfshügel.
Konfuzius

Ein Juwel des Goldenen Rings um Moskau und zugleich wichtiger Verkehrsknotenpunkt ist Jaroslawl, die älteste Stadt an der Wolga. Nur 280 km von Moskau entfernt, liegt die heute ca. 700 000 Einwohner zählende Stadt an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostock bzw. Peking. Der alte Handelsplatz wurde bereits im letzten Jahrhundert ein bedeutender Standort der Leder- und Textilindustrie, die in diesem Jahrhundert durch die Produktion der ersten russischen Lastwagen und Straßenbahnen erweitert wurde. Jaroslawl ist sogar 100 Jahre älter als Moskau und gilt als eine der schönsten russischen Städte.

 

UNSER BESUCHSPROGRAMM

Noch vor dem Frühstück, während des Anlandens der MS Kandinky,  präsentierte sich mir die Silhouette von Jaroslawl in ihrer eindrücklichen Schönheit:

Um acht Uhr begann dann unsere Besichtigung einiger Architekturdenkmale von Jaroslawl.

Erlöser-Verklärungs-Kloster (Спасо-Преображенский монастырь)

Das Erlöser-Kloster steht am Ufer des Kotorosl, unmittelbar an der Grenze des ehemaligen Stadtteils Semljanoi Gorod, dessen Befestigung nur teilweise erhalten ist. Das Kloster wurde Ende des 12. Jh. gegründet und spielte in der Geschichte Jaroslawls eine besondere Rolle. Es hatte enge Beziehungen zum Fürstenhof und diente allen Jaroslawler Fürsten als Totengruft, bis hin zum letzten Jaroslawler Fürsten Alexander Fjodorowitsch, der hier im Jahre 1471, bald nach dem Anschluss des Fürstentums Jaroslawl an Moskau, beigesetzt wurde.

Erlöser-Kloster in Jaroslawl

Blick auf das Erlöser-Kloster in Jaroslawl vom Fluss Kotorosl

In der Mitte des 16. Jh. war das Kloster, das an der Überfahrt über den Kotorosl stand, zur stärksten Festung des Oberen Wolgagebiets geworden; es hatte eine Strelitzen-Garnison mit Artillerie und große Vorräte an verschiedenen Waffen. Hier wurde der Staatsschatz aufbewahrt.
Klostervorsteher war ein Abt, der mit dem Aufstieg des Klo­sters zum Archimandrit avancierte. Insgesamt gab es 150 Mön­che. Fast ein Drittel wohnte außerhalb des Klosters, verwaltete die zahlreichen Kirchendomänen und verschiedene Gewerbe: Handel, Lager, Mühlen, Fischfang. Das Erlöser-Kloster, das allmählich immer reicher und größer wurde, war bereits im 16. Jh. zu einem wichtigen geistlichen Feudalbesitz geworden, das im politischen und wirtschaftlichen Leben von Jaroslawl eine große Bedeutung hatte.
Die Klostermauern und -türme sind größtenteils in den Jahren 1621-1646 zum Teil auf der Grundlage, zum Teil an Stelle der steinernen Befestigungen von 1550-1580 gebaut worden. Sie entstanden nicht alle auf einmal. Die früheren Befestigungen wurden stellenweise erneuert. Die Mauern sind 7,5 bis 10 m hoch und ungefähr 3m dick, ihren Abschluss bilden Maschikulen (Schießscharten an der Krümmung der Außenwände) und Zinnen. Hinter den Zinnen befindet sich ein innerer Wehrgang, der von Arkaden gehalten wird. Auf den Gängen, die mit einem Holzdach auf Pfeilern überdacht sind, hielten sich während des Kampfes die Verteidiger des Klosters auf, um durch die Schlitze der Schießscharten zu schießen und die angreifenden Feinde mit heißem Wasser und Pech zu übergießen. In den unteren Bögen, die das Mauermassiv unter den Wehrgängen aufgliedern, ist eine dritte Reihe von Schießscharten für den Kampf von unten eingebaut.
Dem Podbelski-Platz sind jetzt zwei Ecktürme zugewandt (von dem mittleren Gluchaja-Turm ist nur der Unterbau erhalten): der nordwestliche Gottesmutter (Bogorodizkaja)-Turm (1623) und der nordöstliche Uglitsch-Turm (1635). Der im Grundriss quadratische Gottesmutter-Turm steht auf einem tiefen Kellergeschoß mit Geheimgang, hat innen kuppelartige Zwischengeschoßüberdeckungen. Die Turmzinnen haben ein Bretterzeltdach, auf dem sich ursprünglich noch ein Aussichtsturm befand.
Der Uglitsch-Turm mit dem effektvollen abgestuften Anstieg der an ihn anschließenden Mauer wurde an die Stelle des alten Stadtwalls gebaut. Der Turm gehörte zum Kloster und zur Stadt, denn in ihm befand sich das Stadttor, von dem aus der Weg nach Uglitsch führte, in eine alte Stadt an der Wolga, von Jaroslawl flussaufwärts gelegen. Im 16. Jh. verlief die Klostergrenze westlicher des Walls, aber als die Befestigungen umgebaut wurden, ist die Grenze zum Wall verlegt und damit auch das Klostergelände ein wenig verbreitert worden. An die Stelle des Stadtwalls wurde die ganze Ostmauer mit dem Uglitsch-Turm und dem südwestlichen Michail-Turm (nicht erhalten) gebaut. Die Städtebauer des 18.Jh. wussten die rauhe majestätische Schönheit des Uglitsch-Turms zu schätzen. Bei der Umgestaltung Jaroslawls bildete er einen kompositioneilen Mittelpunkt. Er schließt jetzt die Perspektive von vier Straßen ab.
Das Erlöser-Kloster ist wie die meisten Architekturensembles der Alten Rus auf den Fluss orientiert. Die zum Kotorosl zeigende Südfassade des Klosters galt bis zum 18. Jh. als Hauptfassade. An den Südteil der Mauer wurden außer den Kampftürmen noch zwei weitere Tore angebaut (das Nordtor, das zum Podbelski-Platz führt, entstand später.)
Der Klostereingang befindet sich nach wie vor an der Südgrenze. Vom Podbelski-Platz gelangt man dorthin auf der Perwomaiskaja- Straße, die an der Ostgrenze des Klosters zur Uferstraße abfällt.
Sämtliche Bauten der südlichen Klostermauer sind zum großen Teil verlorengegangen oder umgebaut worden. Fast der ganze Südteil der Mauer wurde Anfang des 19. Jh. aufgesetzt oder abgetragen oder zu einer gewöhnlichen Einfriedung umgebaut, die schon keine Verteidigungsfunktion mehr hatte. Abgetragen wurden auch die Ecktürme. 1803-1804 errichtete man anstelle der abgetragenen auf der Kotoroslseite zwei neue Rundtürme. Die sind bedeutend kleiner als die alten und haben rein dekorativen Charakter. Interessanter ist der Südwestturm, der Elemente des Klassizismus und der falschen Gotik verbindet. Der Entwurf des Turms stammt von dem Architekten Pjotr Pankow.
Von den zwei Klostertoren diente eins, das Wirtschafts-Tor (Wodjanyje Worota), zur täglichen Nutzung, das andere, das Heilige Tor (Swjatyje Worota), war für feierliche Einzüge gedacht. Jetzt gelangen die Besucher durch dieses Tor auf das Klostergelände. Das Wirtschafts-Tor (1. Drittel des 17. Jh.), das sich in der Nähe des Südwestturms befindet, ist eine Durchfahrt mit einem Tonnengewölbe. Die Durchfahrt war von drei Eisentoren – an den Enden und in der Mitte – sicher geschützt.
Das Heilige Tor (1516,1621) ist ein in seiner Komposition und in seiner Einrichtung kompliziertes Bauwerk, das einen Festungsturm mit zwei langen gewölbeartigen Einfahrten, eine Torkirche mit Galerie und einen Aussichtsturm hatte, wo sich eine Uhr befand und die Sturmglocke hing. In den über 400 Jahren seiner Existenz wurde das Heilige Tor mehrmals umgebaut, so dass dieses Denkmal jetzt ein Stilgemisch darstellt. Innen weist das Tor ziemlich reichen Dekor auf, der im Jahre 1621 nach dem Bau einer kleinen Kirche, an die jetzt nur noch eine of­fene Galerie mit niedrigen Bögen erinnert, hinzukam.
Das Gewölbe der Haupteinfahrt und ein Teil der Außenwand des Heiligen Tors wurden 1564 bemalt und 1633 noch einmal übermalt. Die Malerei zeigt die Apokalypse („Vision des Apostels Johannes des Gottesgelehrten von der Zukunft der Welt“). Auf dem Terrakotta-Maluntergrund das erschreckende Bild des Jüngsten Gerichts: riesige menschenfressende Drachen, Ungeheuer, Posaunenengel, Reiter. Kompositionell sind die Fresken einfach, klar und großflächig, meisterhaft auf die verschiedenen Formen der Wandoberfläche, der Bögen und Gewölbe mit Ausschalungen aufgetragen. An keiner einzigen Stelle fällt die Freskenkomposition aus dem Rahmen der Architekturform heraus und fügt sich gut in den komplizierten Raum ein. Mit Vorliebe werden Baukunst russischer Städte, Kirchen und Festungen dargestellt.
Wir betraten, wie alle Besucher,  durch die Haupteinfahrt des Heiligen Tors in das Klostergelände und gingen zum Mittelpunkt – dem Paradehof, wo sich die wichtigsten Bauten des Ensembles befinden: die Christi-Verklärungs-Kathedrale (rechts), das Refektorium mit den Gemächern des Klostervorstehers und der Kreuzkirche (links).
Die Christi-Verklärungs-Kathedrale (Sobor Spassa-Preobrashenija) ist der älteste erhaltene Bau nicht nur im Erlöser-Kloster, sondern in Jaroslawl überhaupt. Sie wurde 1506-1516 auf dem Fundament der Fürstenkathedrale aus dem 13. Jh. gebaut. Die Kathedrale zählt zum Haupttyp der russischen Kirchenbauten, der sogenannten kubischen Kirche.
Diesen Kirchentyp schufen russische Baumeister in Anlehnung an das byzantinische Kreuzkuppelsystem, das Ende des 10. Jh. in der Rus übernommen wurde. Der Grundriss einer kubischen Kirche basiert auf einem Quadrat oder einer quadratähnlichen Form. Im Mittelteil dieser Kirche befinden sich vier Pfeiler, die die Mittelkuppel und die Dachgewölbe tragen. Nach der Zahl dieser Innenstützen werden kubische Kirchen auch Vierpfeilerkirchen genannt. Die kubischen Kirchen haben eine, drei oder auch fünf Kuppeln. Diese bestehen aus massiven durchfensterten Kuppelunterbauten, mit einer helmartigen und später, im 17. Jh., zwiebelförmigen Überdeckung, von Kreuzen gekrönt. An der Ostseite schließt an die Kathedrale der Altar mit typischen halbkreisförmigen Vorsprüngen, den sogenannten Apsiden, an.
Von außen sieht eine kubische Kirche konstruktiv aus, anders ausgedrückt, ihre Innengliederung ist an den Außenfassaden erkennbar.
Sämtliche Außenwände der Kathedrale werden von Lisenen (Lopatki), deren Anordnung den Innenpfeilern entspricht, in drei Teile gegliedert. Diese Zwischenflächen werden von Rundgiebeln (Sakomaren) abgeschlossen-, die die Form des Deckengewölbes wiederholen.
Auf der Grundlage des oben erläuterten Architekturschemas schufen russische Baumeister zahlreiche Sakralbauten, die ein originelles und einprägsames Äußeres haben. Auf ihre Weise einmalig ist auch die Christi-Verklärungs-Kathedrale mit drei Kuppeln. Sie hat strenge geometrische Formen und klare Linien. Ganz den russischen Traditionen verpflichtet, sind die offenen Galerien (teilweise erhalten) und das ziemlich hohe Untergeschoß (Podklet), stellenweise von der in Jahrhunderten angesammelten dicken Kulturschicht verdeckt. Bei der Restaurierung der Kathedrale wurde diese Erdschicht an den Mauern entfernt, und so war die Kathedrale im Norden und Osten von einem ziemlich tiefen Graben umgeben. Nun kamen die wunderbaren Proportionen des Bauwerks (jetzt nur von Nahem zu erkennen) erst richtig zur Geltung. Freigelegt wurde das einfache, aber ausdrucksvolle Relief des Sockels, die alten Fenster der Apsiden.
Die Kathedrale wurde mehrmals renoviert und umgebaut,  manches ist völlig verlorengegangen. An die Süd- und die Nordfassade der Kathedrale wurde später angebaut. Nicht erhalten ist der riesige westliche Vorbau, dessen Treppe früher zu dem breiten, mit Ornamenten geschmückten Eingangsportal führte.

Die Südfassade der Christi-Verklärungs-Kathedrale ist von der riesigen Kirche der Jaroslawler Wundertäter (Церковь Ярославских Чудотворцев) verdeckt, 1827-1831 nach dem Entwurf des Jaroslawler Architekten Pjotr Pankow an der Stelle viel älterer Gebäude errichtet. Kompositionell und stilistisch ist das im Grunde genommen ein selbständiger Bau im für die damalige Zeit typischen Stil des Klassizismus – sechssäuliger Portikus, Giebeldreieck, Rotunde und Kuppel. Sie ist den drei Jaroslawler Heiligen (Guri, Samon und Awiw) geweiht, deren Reliquien im 15. Jahrhundert an der Stelle der Kirche gefunden wurden.

Fast genau der Westfassade der Kirche der Jaroslawler Wundertäter gegenüber sind drei Bauten aus verschiedenen Zeiten zu sehen: das Refektorium (Anfang des 16. Jh.), die Gemächer der Klostervorsteher (zweite Hälfte des 17. Jh.) und die Kreuzkirche (Anfang des 16. Jh.). Die Fassaden des Refektoriums – eines der ältesten Bauten dieses Typs in der russischen Baukunst – sind streng und einfach. Auf der glatten Oberfläche der Mauer heben sich tiefe bogenförmige abgestufte Nischen mit kleinen, unterschiedlich großen und auf verschiedener Höhe befindlichen Fenstern ab. Anders die Klostervorstehergemächer, deren Schmuck bereits der nächsten Entwicklungsetappe der russischen Baukunst angehört. Auch ihre Fassaden sind nur mit figürlichen Fensterverkleidungen und einem reichen Gesims geschmückt, das das Gebäude krönt. Aber dieser bescheidene Schmuck wirkt prunkvoll neben der as­ketischen Schlichtheit des Refektoriums.

Der kleinen Platz vor Heiligen Tor wird an der Ostseite das große unaufgegliederte Massiv des Glockenturms aus dem 16. Jh. mit mehreren Schallöffnungen abgeschlossen, ein in der altrussischen Baukunst beliebtes Motiv. Ursprünglich trug das Glockengestühl steinerne Zeltdächer, die mit grünglasierten Dachziegeln gedeckt waren. Beim Umbau des Glockenturms (1809-1823) wurden diese Zeltdachabschlüsse abgetragen, und in den Schallöffnungen des alten Glockenturms sind neugotische Spitzbögen und eine Uhrrotunde gebaut worden.
Die Turmuhr zählt zu den wertvollsten historischen Reliqien der Stadt. Während der Konterrevolution 1918 wurde sie durch Artilleriebeschuss in Mitleidenschaft gezogen, aber bereits im Jahre 1928 spielte sie die „Internationale“. Ihr Mechanismus war aber schon ziemlich abgenutzt und funktionierte nicht lange. 1983 ertönte in Jaroslawl erneut das Glockenspiel. Restauratoren hatten nach erhalten gebliebenen Zeichnungen die alte Uhr wiederhergestellt und ihr einen elektronischen Mechanismus eingebaut. Auf sein Kommando läuten die vier kleinen Glocken jede halbe Stunde. Die größte Glocke schlägt jede Stunde.
Im oberen Geschoß des Glockenturms befindet sich eine Aussichtsplattform, von der man die Wolgaweiten und das Panorama von Jaroslawl sehen kann: die alten und neuen Wohnbezirke, den Kultur- und Erholungspark auf den Inseln und den Windungen des Kotorosl. Von hieraus nehmen sich die vielen Denkmäler der Sakralbaukunst des Jh., verschieden in der Komposition, im Bauvolumen und in der Formverbindung, besonders effektvoll aus.

Wir allerdings bestiegen leider nicht die Aussichtsplattform, dafür erlebten wir unten auf dem kleinen Platz live einen Glockenspieler:

Hinter dem Glockenturm sind eine Gruppe von Wohnhäusern und Profanbauten zu sehen, die auf der Fläche des ehemaligen Wirtschaftshofes errichtet wurden. Rechts, entlang der Südwand, erstreckt sich das Seminargebäude (Mitte des 18. Jh., 1896), geradezu verläuft direkt an der Klostermauer aus dem 16. Jh. der Gebäudeteil mit den Mönchszellen (2. Hälfte des 17. Jh.).

Darüber hinaus beherbergt der Museumskomplex mehrere Themen-Expositionen zur Geschichte der Stadt, so beispielsweise eine Ausstellung aus der vormaligen Schatzkammer des Klosters. Eine ungewöhnliche und bei Touristen sehr beliebte Attraktion des Museums ist das Gehege mit der Bärin „Mascha“, die 1988 als Junges in einem Wald nahe Wologda aufgefunden wurde und seit Anfang der 1990er-Jahre hinter den Mauern des Christi-Verklärungs-Klosters lebt. Leider gewährte sie mir keine Foto-Audienz.

In der Nähe der Ostmauer des Erlöser-Klosters befindet sich die Erzengel-Michael-Kirche (1658-1682, Nabereshnaja Reki Kotorosli 14). An der Komposition dieses komplizierten und künstlerisch wertvollen Bauwerks erkennt man die traditionellen Jaroslawler Verfahren, wie wir sie schon bei der Kirche zu Christi Erscheinen und der Demetrios-von-Saloniki-Kirche gesehen haben. Die monumentale fünfkupplige Kirche mit drei Apsiden und vier Innenpfeilern wird von überdachten Vorhallen mit Treppenstufen gesäumt, an der Westseite sehen Sie einen prachtvollen Treppenvorbau. In die Vorhallen sind Nebenaltare eingelassen, in eine davon wurde der mächtige Unterbau des säulenförmigen Glockenturms eingebaut, der ein Zeltdach hat. Das ganze steht auf einem hohen Kellergeschoß, das als Lagerraum benutzt wurde.

Erzengel-Michael-Kirche in Jaroslawl

Am Kirchenschmuck sind die grünen Kacheln an der Fassade des Vorbaus, das perspektivische Portal der oberen Galerie mit dem feinen Formziegelornament und der Bemalung bemerkenswert, ferner die schmiedeeiserne Eingangstür, mit gefärbtem Glimmer in den durchbrochenen Medaillons verziert. Die Kirche wurde im Jahre 1730 von Jaroslawler Meistern, an der Spitze Fjodor Fjodorow, ausgemalt. Die Fresken sind in dem für die spätere Jaroslawler Wandmalerei typischen dekorativen, epischen Stil gehalten. Die reichen Erfahrungen, die bei der Ausschmückung von Kirchen der Stadt gesammelt wurden, fanden ihren Niederschlag bei der Ausmalung der Kirche.
Mit dem Wirken des begabten ortsansässigen Architekten Pjotr Pankow ist in Jaroslawl praktisch die gesamte „klassizistische“ Bautätigkeit der ersten Jahrzehnte des 19. Jh. verbunden. Nach seinen Projekten wurden zahlreiche Wohn-, Handels- und Öffentlichkeitsgebäude errichtet, die lange Zeit das Stadtbild prägten. Diese Bauten zeugen vom hohen Entwicklungsstand der Architektur des späten russischen Klassizismus, eines Stils, für den Ensemblebauten typisch waren und einzelne Gebäude in das Straßenbild harmonisch eingefügt wurden.

Unser nächster Weg führte uns zur

Mariä-Entschlafens-Kathedrale 

Zwischen dem Hochufer an der Mündung der Kotorosl‘ in die Wolga und der Prophet-Elias-Kirche erstreckt sich ein parkähnlicher Grünstreifen, der in einen Boulevard übergeht. In einigem Abstand vom Wolga-Ufer befindet sich das größte Gotteshaus von Jaroslavl, die zwischen 1215 und 1219 errichtete Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Während der Auseinandersetzungen zwischen Sozialrevolutionären und Bolschewiki beschossen die Roten Garden vom Fluss aus die Stadt, wobei die meisten Gebäude an der Strandpromenade stark beschädigt wurden, ebenso die Kathedrale. Ihre Reste ließen die Bol­schewiki 1937 sprengen. In den letzten Jahren wurde die Kirche wieder aufge­baut und 2011 geweiht. An die zerstörte Kirche erinnert seit 1995 eine Plastik von Nikolaj Muchin, heute der berühmteste Ikonenmaler der Stadt. Die Figurengruppe besteht aus drei engelsartigen Gestalten, die die Dreifaltigkeit symboli­sieren. Die Plastiken wecken mit ihren feingliedrigen Händen sowie den in die Länge gezogenen Körpern und Gesichtern, Assoziationen zur Malerei Andrej Rublëvs, des berühmtesten russischen Ikonenmalers.

Plastik von Nikolaj Muchin, die an die zerstörte alte Mariä-Entschlafens-Kathedrale von Jaroslawl erinnert

Nikolaj Muchin, der in Jaroslavl‘ mit anderen Künstlern ein eigenes Atelier unterhält, ist ein gutes Beispiel für die Rückbesinnung einiger russischer Intellektueller und Künstler auf die religiöse Traditionen. Er und seine Kollegen waren unter anderem an der Ausmalung der wiedererrichteten Christus-Erlöser-Kirche in Moskau beteiligt.

Im Demidow-Park von Jaroslawl, Demidow-Säule

Weiter den Boulevard entlang gelangt man zur Demidov-Säule, die an Pavel Demidov erinnert, den Gründer der Universität von Jaroslavl. Gegründet 1803, ist sie die drittälteste Universität im Land. Die Wiedererrichtung des Denkmals geht auf eine Initiative von Dozenten der Universität zurück. Die ursprüngliche Säule war nach 1917 zerstört worden, da die Demidovs eine der reichsten Industriellenfamilien des Landes und Symbol des kapitalistischen Russlands waren.
Etwas weiter gelangt man zu einem Denkmal für die kommunistischen Opfer des Bürgerkrieges, das am Massengrab im Juli 1958, zum 40. Jahrestag der Zerschlagung der Konterrevolution errichtet wurde. Das Denkmal wurde statt eines hölzernen Denkmals aufgestellt, das 1918 enthüllt worden ist.

Denkmal für die Kämpfer der Revolution und Entschlafens-Kathedrale in Jaroalawl

Der Boulevard endet am Sowjetskaja Ploschtschad mit der Prophet-Elias-Kirche.

Die Prophet-Elias-Kirche

(Iljinskaja-Kirche) gehört zu den bekanntesten Denkmälern der Periode des Aufblühens der Jaroslawler Architekturschule. Im Auftrage Jaroslawler Kaufleute – der Gebrüder Nifanti und Anikej Skripin – zwischen 1647-1650 errichtet, stellt sie ein für Jaroslawl typisches Ensemble dar. Die große fünfkupplige Kirche mit einem ausgedehnten hellen vierpfeiligen Innenraum ist von einer zweigeschossigen Galerie umgeben, hat Nebenaltäre, einen Glockenturm und Treppenanlagen. Alle diese Bauten sind streng auf das Raumsystem abgestimmt. Die Größe der Mittelkirche wird durch den betont kleinen nördlichen Nebenaltar der Heiligen Guri, Samon und Awiw hervorgehoben, den seinerseits der neutrale Baukörper des Südaltars Mariä Schutz und Fürbitte ausgleicht. An die Nordwestecke der Galerie schließt ein hübscher achteckiger Zeltdach-Glockenturm an. In der Südwestecke als Gegenstück dazu – die elegante, ebenfalls zeltdachbedeckte Vertikale des Nebenaltars zur Gewandniederlegung.

Prophet-Elias-Kirche in Jaroslawl

Die Prophet-Elias-Kirche beeindruckt nicht nur durch die gewagte Komposition, sondern auch durch den meisterhaften Dekor. Die Methode der Jaroslawler Architekten besteht in folgendem: je bedeutender und größer die Form, je wichtiger ihr Platz in der allgemeinen Komposition, desto einfacher die Gestaltung. Viele dekorative Elemente finden wir nur bei Treppenanlagen, der Galerie und dem Kuppelabschluss. Nur hier sieht man schmucke Einfassungen, profilierte Gurtsimse, Gürtel von rechteckigen figürlich gestalteten Mauernischen (Schirinka) und Lisenen mit geschnitzten Einlassungen aus weißem Stein. Im Ergebnis wird in der äußeren Gestalt der Prophet-Elias-Kirche die majestätische Monumentalität alter fünfkuppliger Kathedralen und die ausgesuchte Zierlichkeit im Geschmack des 17. Jh. verbunden.
Im Inneren stellt diese Kirche eine wahre Schatzkammer der altrussischen Kunst dar. Es gibt Werke von Meistern der Fresken- und Tafelmalerei, vieler Arten der angewandten Kunst.
Am Eingang zur Galerie fallen die Portale mit eisernen Türen auf. Sie sind mit Schnitzereien geschmückt und bunt bemalt. Die Wände zieren unten ein Band aus Schmuckkacheln (80er Jahre des 17. Jh.). An den Wänden des Vorbaus und der westlichen Galerie sieht man Fresken – die ersten einer riesigen Komposition. Die Ausmaße und die hohe Qualität dieser Malerei, an der zahlreiche Maler gearbeitet haben, zeugen von den festen Traditionen und der sorgfältig ausgearbeiteten Methodik und Technologie der Malerei. Versuchen wir hier ihre Regeln darzulegen.
Die Besonderheit der Technik der Freskenmalerei bestand bekanntlich darin, daß die Bilder auf frischem Kalkbewurf kurz nach seiner Bindung gemalt werden mussten. Die erste Farbschicht wurde gewöhnlich mit einem in Wasser aufgelösten Pigment aufgetragen; sobald der Putzmörtel trocken war, wurde eine Kalkschicht aufgetragen, die die Malerei vor Feuchtigkeit schützen sollte. Die abschließende genaue Nachzeichnung erfolgte mit Farbstoffen, die man mit einem pflanzlichen (Weizen) Klebstoff oder mit Eigelb verdünnte. Mitunter wurden Öl und Firnis zugesetzt.
Die Malerei auf dem feuchten Putz erfordert die strenge Einhaltung der sorgfältig ausgearbeiteten Technologie. Der Putzgrund oder eine Art Malerkitt aus Kreide und Leim wurde aus altem, trockenem und durch wiederholtes Durchspülen und Umschaufeln gut vorbereitetem Kalk hergestellt. So verlangsamte sich der Prozess der völligen Erhärtung des Kalkes und dauerte ein, zwei Tage, genau die Zeit, die der Maler brauchte.
Der Putz wurde Teil für Teil auf die Wand aufgetragen, damit keine Stelle trocknete, bevor die Malerei fertig war. Zuerst zeichnete ein erfahrener Zeichner die Konturen auf den feuchten Grund. Die Grundlinien wurden vertieft, damit sie beim Auftragen der Farbe nicht verlorengingen. Dann bemalten mehrere Maler die Vorzeichnungen, wobei jeder genau seine Aufgabe kannte. Weniger erfahrene Meister oder Lehrlinge bemalten die großen Flächen des Hintergrundes und der Heiligenscheine; erfahrenere Künstler spezialisierten sich auf die Ausführung komplizierter Architekturkulissen. Es gab Maler, die nur Ornamente, Kleider und Architekturdekore ausführten. Andere machten nur Aufschriften. Diese Arbeitsteilung beschleunigte den Arbeitsprozeß. Dabei waren die besten Meister universell: Nachdem die Konturen aufgetragen wurden, beaufsichtigten sie die ganze Arbeit, legten aber auch selber Hand an. Sie malten gewöhnlich besonders verantwortliche Kompositionen, die unten angeordnet und deshalb gut zu sehen waren.
Die Technik der Freskenmalerei erforderte nicht nur hohe Qualität der Malerutensilien, eine gute Vorbereitung und Organisation, sondern auch eine sorgfältige Skizzierung der Themen und Besinnung auf alle Details jedes Sujets. Denn die Technologie schloss Änderung während der Ausführung aus, bei der Malerei mit Ölfarbe oder Tempera verhält es sich anders. Das hätte das Auftragen einer neuen Grundschicht erfordert.
Die Freskenmalerei der Jaroslawler Kirchen (wie übrigens auch aller anderen rechtgläubigen Gotteshäuser) wurde von der Kirche streng und in allen Einzelheiten reglementiert. Die Ikonographie einer rechtgläubigen Kathedrale bildete sich in Jahrhunderten heraus. Im allgemeinen wurden der Themenkreis und die Anordnung der Sujets in der Kirche bereits in der byzantinischen Kunst vorgeschrieben. In den Jahrhunderten nach der Annahme des Christentums in der Ruß (988) wurde diese traditionelle Ikonographie durch Ereignisse der Kirchengeschichte mehrmals ergänzt. Die Großflächigkeit der Jaroslawler Wandmalerei brachte es aber mit sich, dass die obligatorischen Darstellungen nicht ausreichten. Die Maler erfanden neue Zyklen, gingen alle schon gemalten Bilder durch, studierten westliche Stiche, improvisierten selbst und zogen viele Legenden des Orients und des Westens heran. Dieses schöpferische Herangehen fällt einem in der Prophet-Elias-Kirche mit ihren riesigen Vorhallen sofort auf.
In der byzantinischen Architektur gab es keine Vorhallen. Das ist eine rein russische Form, die die Kirchenarchitektur dem volkstümlichen Wohnhaus entlehnt und die einen langen Entwicklungsweg durchlaufen hatte. Die Vorhallen betrachtete man als Vorraum der Kirche.
Dementsprechend wurden hier Ereignisse der biblischen Geschichte dargestellt, die dem Neuen Testament vorausgegangen waren. Wenn man Wandmalereien der Jaroslawler Kirchen in Vororten mit denen der Prophet-Elias-Kirche vergleicht, sieht man, dass dort oft auch das Jüngste Gericht und die Apokalypse dargestellt wurden – die phantastischen Poeme über das Geschick der Menschheit.
Szenen aus der Apokalypse sehen Sie auch an der Decke des festlichen westlichen Vorbaus der Prophet-Elias-Kirche. Jetzt führt dieser Vorbau zur Filiale des Historischen Architektur- und Kunstmuseumsreservats. Die Wandmalereien stammen aus dem Jahre 1682. 1716 wurden sie ergänzt. Riesige furchterregende Tiere, galoppierende Reiter in wehenden Gewändern, die auf dem Boden liegende Menschen treten – das Symbol des strafenden Todes. Außer den kanonischen Sujets finden Sie in der Galerie Illustrationen zu Apokryphen, den im 17. Jh. verbreiteten belehrenden Erzählungen. Dazu gehört zum Beispiel das Wandbild auf der südlichen Wand der westlichen Galerie „Der Mönch Theophil vor dem Satan“. Das ist eine Sage darüber, wie Sünden bestraft wurden, reich an Einzelheiten aus dem Alltag. Eigentlich ist es ein Genrebild.
Beeindruckend sind die Wandmalereien der zentralen Kirche, entstanden in den Jahren 1680-1681. Geschaffen wurden sie von einer Genossenschaft aus 15 Malern, geleitet von den berühmten Malern aus Kostroma Guri Nikitin und Sila Sawin und dem Jaroslawler Dmitri Semjonow. Die Kompositionen, getragen vom Geist eines phantastischen Märchens, beeindrucken durch unbändiges Temperament und bewundernswerten Einfallsreichtum.
Die Wände der Hauptkirche sind in sechs Freskenreihen aufgeteilt. Die niedrigste besteht aus Ornamenten. An den Gewölben und in den zwei oberen Reihen sind große Kompositionen zu Themen des Evangeliums platziert. Die nächste Reihe (die dritte von oben) illustriert das Buch „Die Taten der Apostel“. Die zweite Reihe von unten schildert das Leben und die Wunder des Propheten Elias. Die untere Reihe ist den Taten des Schülers Elias‘, Elisa, gewidmet. So stellen alle Bilder gleichermaßen die Kapitel eines sich fortsetzenden Buches dar.
Die Phantasie und Meisterschaft der Maler kam besonders in den Szenen mit dem Propheten Elias und seinem Schüler, dem Propheten Elisa, zum Ausdruck. Die Wunder der Propheten gleichen sich: Auferweckung der Toten, Heilung der Kranken und Krüppel, Hilfe für Arme. Aber die Maler interessierten sich nicht so sehr für die Wunder selbst, sondern für die Begleitumstände, für das Milieu, für Details. So werden Bibelszenen zu selbständigen dekorativen Genrekompositionen.
Vor dem allgemeinen Hintergrund der russischen mittelalterlichen Kunst beeindrucken die Wandbilder dieser Kirche mit ihrem betont weltlichen Geist und dem eigenwilligen Realismus. In diesem wichtigen Aspekt der Jaroslawler Malerei fand die Belebung wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Russland und anderen Ländern ihren Ausdruck. Weite Handelsreisen ins Ausland erweiterten den Blick russischer Menschen. Ihr Interesse für weltliches Wissen nahm zu. Neue Forderungen wurden an die Kunst gestellt. Die Wandmalerei sollte die Geschichte der Menschheit veranschaulichen. Darum finden Sie auf den Wandbildern in Jaroslawl (besonders in den Galerien der Kirche) außer kanonisierten Themen auch viele andere, darunter literarische und historische Sujets. Traditionelle Sujets aus dem Evangelium und aus der Bibel wurden oft als Episoden des weltlichen Lebens dargestellt und als Genrebilder ausgeführt.
Die Durchsetzung neuer künstlerischer Prinzipien wurde unter anderem durch die in der Mitte des 17. Jh. in Russland aufgetauchte illustrierte Bibel von Piskator mit Stichen holländischer Meister gefördert. Sie dienten als Grundlage für viele Wandbilder in Jaroslawl, auch der Prophet-Elias-Kirche. Besondere Beachtung verdient die Komposition aus dem Zyklus der Taten des Propheten Elisas „Ernte“:

Prophet-Elias-Kathedrale. Freske „Ernte“ aus dem Zyklus „Die Taten des Propheten Elias“ Ende 17. Jh.

Beim Vergleich der Fresken mit den Stichen muss der Kunstwissenschaftler feststellen, dass die unselbständigen, handwerklichen Gravüren des Holländers in Jaroslawl zu wertvolleren und bedeutenderen Kunstwerken wurden. Die Jaroslawler Ikonenmaler passten die Kompositionen der Stiche frei und geschickt den dekorativen Aufgaben an und führten sie in erlesenen Farben aus.
Hohen künstlerischen Wert besitzt die Kircheneinrichtung. Prachtvoll ist der geschnitzte Ikonostas der zentralen Kirche im Barockstil. Hier finden wir interessante Ikonen aus den Jahren 1670-1680, die ganz unten, im lokalen Rang, angebracht sind. Nach der Art der Ausführung sind sie sehr verschieden. Meisterhaft „Die Himmelfahrt“ und „Mariä Schutz und Fürbitte“. Auf den Ikonen „Der Prophet Elias“ und „Johannes der Täufer“ sind die zentralen Figuren in eine Landschaft gestellt, vor deren Hintergrund ihre Lebensgeschichte geschildert wird. Die freie Zusammensetzung einzelner Episoden und das schöne grünlich-gelbe Kolorit machen beide Ikonen besonders reizvoll. Sehr interessant ist die Ikone „Der Erlöser von Smolensk“ mit zwei jungen Frauen, die sich tief vor Christus verneigen. Es wird angenommen, dass hier Frauen aus der Familie Skripin dargestellt sind.
Ins Auge fällt die prächtige Schnitzerei aus der zweiten Hälfte des 17.Jh. – Plätze für den Zaren und den Patriarchen, durch niedrige Wände vom übrigen Raum getrennt. Über jedem Platz ist ein zeltartiges Dach mit Kuppel und Kokoschniki auf reich verzierten Stützen angebracht. Diese komplizierten Kompositionen nehmen in der Kirche einen besonderen Platz ein. Sie stehen gegenüber der Ikonenwand und weisen ein bizarres Ornament auf. In die spitzenähnliche Schnitzerei mit Pflanzenmotiven sind Doppeladler, sechsflüglige Seraphime, Wundervögel, eine Blumenvase und Rosetten eingeflochten.
Im Kirchenaltar hängt ein noch bedeutenderes Werk von Jaroslawler Meistern – ein riesiger geschnitzter hölzerner Altarhimmel aus dem Jahre 1657. Er hat die Form eines hohen Zeltes, die bevorzugte Form der russischen mittelalterlichen Baukunst. Der Altarhimmel ist mit einem Pflanzenornament verziert.
Nach der Besichtigung der Hauptkirche gehen wir zur Galerie zurück. Die Malerei ihres nördlichen Teils (1715-1716) zeigt Szenen aus dem Alten Testament. Auch hier beeindruckt der realistische, lebensnahe Inhalt. Viele Details schauten die Künstler ihrer Umwelt ab. Die Form der Arche erinnert an mittelalterliche Jaroslawler Boote. Die biblischen Zugochsen wurden durch ein Pferd ersetzt, Abel und Kain tragen russische Kleidung. Die Geschichte von Adam und Eva wird in einer idyllischen Dorflandschaft mit friedlich weidenden Schafen dargestellt. Eva stillt einen Säugling, der ältere Sohn spielt mit einem Schaf.
Im Nebenaltar der Heiligen Guri, Samon und Awiw, mit dem die nördliche Galerie abgeschlossen wird, verdient die heilige Pforte des Ikonostas besondere Beachtung. Das ist der älteste Gegenstand der Kir­cheneinrichtung, und der Sage nach stammt er aus einer Holzkirche, die auf diesem Platz gestanden haben soll.
Der Nebenaltar Mariä Schutz und Fürbitte ist, trotz späterer Änderungen, innen original erhalten. Die Fresken aus dem Jahre 1698 sind der Gottesmutter gewidmet: In der eigentlichen Kirche sind Episoden aus ihrem irdischen Leben und Wunder dargestellt, die mit ihrer Ikone verbunden waren. Im Refektorium daneben wurde das Thema des Akathistos aufgegriffen. Im Jahre 1830 sind das Gewölbe und die Wände des Refektoriums, ausgenommen die Komposition auf der Nordwand, die die Legende von Tobit und seinem Sohn Tobias zeigt, neu bemalt worden.
Die Ikonenwand im Nebenaltar vom Ende des 19. Jh. besteht nur aus einer Ikonenreihe. Eine von diesen Ikonen – „Das Zeichen mit Heiligen“ – wird dem hervorragenden Jaroslawler Künstler des 17. Jh. Fjodor Subow zugeschrieben. Beachtung verdient hier ein in den Jaroslawler Kirchen seltenes Detail: Die zwei oberen Reihen der Ikonenwand wurden auf der steinernen Altarwand in Freskentechnik ausgeführt.

Nach der Besichtigung der Prophet-Elias-Kirche könnte jeder für eine Stunde auf eigene Faust die Stadt erkunden. Mein Weg führte an der Kreuzung Uliza Deputatskaja und Uliza Andropowa an einem nicht sehr großen schmucken Bau mit einem Zeltdach und einer Kuppel – der Alexander-Newski-Kapelle – vorbei. Die Formen und der Dekor – ein Treppenvorbau mit einem kupfernen geschuppten Zeltdach, die Kacheln und die figürlichen Ziegelsteindetails – wirken sehr alt. Aber das ist eine Täuschung. Der Architekt  entwarf die Kapelle Ende des 19. Jh. Bei diesem Projekt ließ er sich allerdings von den Schöpfungen altrussischer Baumeister inspirieren.

Alexander-Newski-Kapelle in Jaroslawl

An den Ständen im Kaufhof (1814 bis 1818), der an die Stelle des Stadtwalls zwischen dem Wlasjewskaja- und dem Uglitsch-Turm (Uliza Perwomaiskaja 6) errichtet wurde, kaufte ich mir dann eine neue, weiße Mütze als Ersatz für den in Astrachan verlorengegangenen Strohhut, denn die Sonne drohte mir die Glatze zu verbrennen. Das Kaufhofensemble ist nicht vollständig erhalten geblieben. Von den drei Gebäuden sind jetzt der Mittelteil und eine Seite des Nordflügels zu sehen. Die andere Seite des Gebäudes wurde 1911 umgebaut. Der Südflügel des Kaufhofes verbrannte 1918 während der revolutionären Kämpfe und wurde abgetragen. 1960 wurden die erhaltenen Teile des Kaufhofes restauriert. Dieses Ensemble zählt zu den wertvollsten Denkmälern des russischen Städtebaus. Von einer flachen Kuppel gekrönt und an der Hauptfassade mit einem sechssäuligen Portikus geschmückt, bildet die Rotunde des Kaufhofes den Abschluss der Perspektive einer der Hauptstraßen im Stadtzentrum – der Deputatskaja Uliza.
Dann führte mich mein Weg wieder zur Andropow-Straße.  Wie die meisten Hauptstraßen der Jaroslawler Stadtmitte hat auch die Andropow-Straße eine architektonische Dominante – die Kathedrale des Kasaner Klosters (1835-1845), ein majestätisches fünfkuppeliges Bauwerk des späten Klassizismus. Vor dem Kloster, zu dem außer der Kathedrale einige spätere Sakral- und Profanbauten gehören, befindet sich ein kleiner dreieckiger Vorplatz.

Das Kasaner Kloster in Jaroslawl

Im Jahre 1960 wurde hier die Büste des Dichters, Demokraten und Historikers Leonid Trefolew (1839-1905) aufgestellt, von dem Bildhauer Alexander Tschernizki geschaffen. Ein großer Teil des Lebens Trefolews ist mit Jaroslawl verbunden. Hier besuchte er das Gymnasium und das Demidow-Lyzeum, war dann als Redakteur zunächst der „Jaroslawler Gouvernementsnachrichten“ („Jaroslawskije Gubernskije Wedomosti“) (1864-1871) und dann des „Boten des Jaroslawler Semstwos“ („Westnik Jaroslawskogo Semstwa“) (1872-1905) tätig. Die Dichtung Trefolews ist sehr volksverbunden. Seine Verse künden von der großen Liebe zu den russischen Bauern, von echtem Mitgefühl für ihr schweres Los.

Leonid-Trefolew-Denkmal in Jaroslawl

Leonid Trefolew übersetzte auch Gedichte von Poeten der Ukraine, der Tschechen, Serben und Polen. Viele Jahre beschäftigte er sich mit der Geschichte der Jaroslawler Gegend. Seine historischen Abhandlungen wurden innerhalb von 40 Jahren von zentralen Zeitschriften veröffentlicht und einem großen Leserkreis bekannt.
Über die Kirow-Straße kam ich dann wieder zum Sowjetskaja Ploschtschad mit der Prophet-Elias-Kirche und schlenderte gemächlich und entspannt den schon erwähnten parkähnlichen Boulevard in Richtung Strelka hin und zurück.

Um ca. 11:30 Uhr wurden wir wieder zum Schiff kutschiert und nun führte uns die Kreuzfahrt in Richtung Rybinker Stausee.

Etwa acht Kilometer hinter Jaroslavl passierten wir das am linken Flussufer liegende Tolga-Kloster (Толгский монастырь), in dem seit einigen Jahren wieder Nonnen leben.

Kloster zu Mariä Tempelgang von Tolga bei Jaroslawl

Gegründet wurde das Kloster 1314 vom Jaroslawler Bischof Tichon. Die Legende berichtet, dass Tichon während eines nächtlichen Traumes am Flussufer die Jungfrau Maria in einer Flammensäule sah. Am nächsten Morgen machte er sich mit einigen Begleitern auf die Suche nach der Stelle. An der Mündung des Flüsschens Tolga in die Wolga fand er eine Ikone – die „Gottesmutter von Tolga“. Ihr zu Ehren legte er den Grundstein für ein Mönchskloster. Während eines Morgengottesdienstes vor der Ikone im Jahr 1392 sahen die Mönche, wie sich aus der rechten Hand der Gottesmutter ein Rinnsal Myrrhe ergoss, aus dem linken Fuß des Jesuskindes fiel ein Balsamtropfen. Die Mönche erkannten, dass die Gottesmutter-lkone Wunder bewirken konnte. Dutzende Blinde machte sie sehen, Lahme laufen und Todkranke gesund. Als Ivan der Schreckliche das Kloster 1553 besuchte, genas er nach Gebeten vor der Ikone von einer Erkrankung seines linken Beines. Der dankbare Zaг schenkte den Mönchen die Samen einiger sibirischer Zedernbäume, deren Nachfahren bis heute – neben den alten Linden – dem Kloster eine besondere Atmosphäre verleihen.
Anfang des 17. Jahrhunderts wurde die Anlage von Polen und Litauern zerstört. Als sich in Jaroslavl‘ 1612 das Volksheer von Minin und Požarskij zum Feldzug gegen die Eindringlinge rüstete, drohte eine Seuche das Unternehmen im Keim zu ersticken. Die Anführer des Widerstand ließen die Ikone nach Jaroslawl bringen, und das ganze Volk betete vor ihr – mit Erfolg. Die durch den Sieg über die Polen auf den Thron gelangten Romanows verliehen dem Tolga-Kloster daraufhin eine Reihe von Privilegien, die den wirtschaftlichen Aufstieg begünstigten. Im 17. und 18. Jahrhundert entstanden die Kathedrale, die Kirchen, das Haus des Abtes, das Spital und die Mönchszellen. Die strenge, formvollendete Vvedenskij-Kathedrale (1688) mit ihren fünf Kuppeln brachte den Jaroslawler architektonischen Stil zu seiner Vollendung. Die Fresken im Innern der Kathedrale zeigen Szenen, Farben und Gesichter vom Leben an der Wolga. Das Tolga-Kloster wurde 1926 geschlossen. Es diente nacheinander als Ausbildungsstätte für Arbeiter, als Lazarett und als Besserungsanstalt für minderjährige Jugendliche. Seit 1987 ist es wieder im Besitz der Kirche. Kopien der wundertätigen Ikone „Gottesmutter von Tolga“ befinden sich in vielen Museen überall auf der Welt. Die berühmteste, 1655 angefertigt, war lange Zeit im Besitz des Kunstmuseums von Jaroslawl. Das Original befindet sich seit 2003 wieder im Tolga-Kloster.

Die nächste größere Stadt an der Wolga die wir passierten war Tutaew (Тутаев, Km 439), etwa auf der Hälfte des Weges zwischen Rybinsk und Jaroslawl. Sie erstreckt sich zu beiden Seiten der Wolga am malerischen, 40 Meter hohen Steilufer. Etwa 40000 Menschen leben hier.

Kirche auf der Borisoglebsk-Seite von Tutaew an der Wolga

Ihren Namen erhielt die Stadt 1918 in Gedenken an einen Rotarmisten, der bei der Niederschlagung eines Aufstandes sozialrevolutionärer Gegner der Bolschewiki ums Leben kam. Zuvor hieß der Ort Romanow-Borisoglebsk. Der Ortsteil am östlichen Ufer trug den Namen Romanow und war Mitte des 14. Jahrhunderts als Festung gegründet worden. Borisoglebsk ist hundert Jahre älter und verdankt seine Entstehung Flüchtlingen aus Jaroslawl, die sich hier vor den Mongolen in Sicherheit brachten. Ende des 15.    Jahrhunderts gerieten beide Siedlungen unter die Herrschaft der Moskauer Großfürsten. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die beiden Orte an den gegenüberliegenden Ufern der Wolga vereint.
Das Panorama Tutaews, das sich von der Wolga bietet, lässt etwas vom ursprünglichen Charakter und der Stimmungen längs der Uferlandschaften erahnen. Über den von Büschen bestandenen Abhängen und Schluchten erheben sich die aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammenden Kirchen und Glockentürme des Ortes. Zwischen ihnen erstrecken sich im Schatten uralter Bäume die Straßen der Stadt.
Die Russen lieben Tutaew wegen seines besonderen Charmes und wegen einer der berühmtesten wundertätigen Ikonen der russischen Orthodoxie. Sie befindet sich in der über dem westlichen Ufer gleichsam schwebenden Auferstehungskirche und ist das Ziel von Pilgern aus dem ganzen Land. Die „Erlöser-Ikone“ stammt aus dem 15. Jahrhundert. Ihr werden Wunderkräfte bei der Heilung von Nervenleiden zugeschrieben.

ln Rybinsk (Рыбинск, Km 389/949) halten die wenigsten Kreuzfahrtschiffe; viel zu sehen gibt es in der 300000 Einwohner zählenden Stadt auch nicht. Ihr Charme ist provinzieller Natur, und ihre besten Jahre hat sie hinter sich. Gegründet wurde Rybinsk im 11. Jahrhundert. Von der Hauptbeschäftigung seiner Einwohner, die die Fürsten- und Zarenhöfe mit frischem Fisch versorgten, zeugt schon der Name: „Ryba“ bedeutet „Fisch“, Rybinsk heißt also soviel wie Fischerdorf Ende des 17. Jahrhunderts beliefen sich die obligatorischen Abgaben jedes Rybinsker Fischers auf drei Dutzend Störe, zwei Dutzend Weißlachse, ein Dutzend großer, zwei Dutzend mittlerer und einem halben Hundert kleiner Sterlets jährlich. Mit dem Fisch, den sie zusätzlich zu diesen Mengen fingen, erzielten die Rybinsker stattliche Einnahmen.

Rybinsk an der Wolga

Ihre stürmischste Zeit erlebte die Stadt im 18. und 19. Jahrhundert. Die Zahl der Handelsschiffe vergrößerte sich in jener Zeit erheblich, und die Untiefen im Oberlauf der Wolga, Flauten und häufige Niedrigwasser zwangen die Schiffer auf der Wolga, ihre Waren in Rybinsk auf Kähne und Barken mit geringerem Tiefgang umzuladen oder darauf zu warten, bis sie getreidelt wurden. Am Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl auf 15.000 Menschen im Winter; in den Sommermonaten zog die Stadt zusätzlich bis zu 80.000 Saisonarbeiter an: Lastträger und Wolgatreidler. Ihren Anschluss an das Eisenbahnnetz erhielt Rybinsk 1870, etwas später einen im Jugendstil errichteten Bahnhof. Der Stadtkern besteht vorwiegend aus Gebäuden des 19. Jahrhunderts – die Villen der zahlreichen Kaufleute.
In der sowjetischen Ära entstanden neben dem Stausee und dem Wasserkraftwerk zahlreiche Industriebetriebe. Die Stadt erstreckt sich heute auf einer Länge von 22 Kilometern an beiden Ufern der Wolga. Das Hauptgebäude des Passagierhafens mit seinem Portikus und dem imposanten Ziergiebel ist im ehemaligen Getreidespeicher untergebracht. In der Stadt gibt es zwei Museen – ein historisch-künstlerisches am Ufer der Wolga gegenüber der Börse und eines zur Geschichte der im Rybinsker Meer versunkenen Stadt Mologa und seiner Umgebung außerdem ein Theater und ein Puppentheater.

Das „Mütterchen Wolga“ wird vom Staudamm und dem Wasserkraftwerk von Rybinsk nun in einen See verwandelt. Die Schiffe müssen durch eine Schleuse, denn zwischen dem Wasserniveau des Stausees und dem des ursprünglichen Bettes der Wolga liegen 18 Meter Höhenunterschied.

Am Abend gab unser Bordpianist sein letztes Konzert mit klassischen Werken der bekanntesten russischen Komponisten und danach schenkte und der Himmel, um den ereignisreichen Tag würdig zu beenden, noch einen fulminanten Sonnenuntergang über dem Rybinsker Stausee.

Bildergalerie:

AUS DER URGESCHICHTE
Die frühesten Spuren einer Menschensiedlung im Jaroslawler Gebiet gehen auf das 3.-2. Jahrtausend v. u.Z. – auf die Epoche der Jungsteinzeit (Neolithikum) – zurück. Im Bronzezeitalter kommt der Fatjanowo-Kultur (nach dem Dorf Fatjanowo benannte Kulturgruppe in der Waldzone Zentralrusslands, etwa 1 500 Jahre v.u.Z.) die größte Bedeutung zu. Etwa im 6.-7. Jh. u.Z. siedelten sich slawische Stämme am Oberen Wolgabecken an. Dabei hatte die Kultur der hier ansässigen finnougrischen Bevölkerung – des Stamms der Merja (Mari) – zweifellos Einfluss auf die Herausbildung der Kultur der späteren Siedler dieses Gebiets. Die Slawen lebten im Verlaufe eines großen historischen Zeitabschnitts friedlich in Nachbarschaft mit dem Stamm der Merja.

 

DIE FRÜHE SIEDLUNGSSTÄTTE MEDWESHI UGOL

In das 9. Jh., als sich der Altrussische Staat mit der Hauptstadt Kiew herausbildete, fällt die Periode der aktivsten Besiedelung des Oberen Wolgagebiets durch die Slawen. Eine dieser Niederlassungen der Slawen war die Siedlung auf der Strelka (Landzunge) – im Winkel zwischen der Wolga und einmündendem Kotorosl. Aus dieser Siedlung auf der „Strelka“ entstand und entwickelte sich Jaroslawl.  Den Ursprung der späteren Stadt bildete der hier im 9. Jahrhundert bestehende alte heidnische Götzentempel mit einer kleinen Siedlung, der Frühsiedlung. In der Überlieferung wird diese Frühsiedlung „Medweshi Ugol“ (Bärenwinkel) genannt, denn die Bewohner huldigten dem „heiligen Tier“, dem Bären.
Archäologische Funde belegen, dass Medweshi Ugol zu jener Zeit eine Händler- und Handwerkersiedlung war, das dortige Zentrum des heidnischen Kults, eine Siedlung, wie es viele in der Umgebung gab. Seine Bewohner betrieben Ackerbau, Jagd, Fischfang, Handel mit Skandinavien, Wolga-Bulgarien, einem alten Staat am Unterlauf der Wolga, mit dem Nahen Osten.
An der Schwelle des 9. zum 10. Jh., als sich der Altrussische Staat, die Kiewer Rus, herausbildete, vereinigten sich Stämme und Länder der Ostslawen, die auf einem riesigen Territorium der Osteuropäischen Ebene verstreut waren. Das größte Zentrum im nordöstlichen Teil der Rus war dazumal Rostow Weliki, heute die Stadt Rostow, das Rayonzentrum des Gebiets Jaroslawl, 60 Kilometer südlich von Jaroslawl gelegen. Die Gebiete der oberen Wolga, wo auch Medweshi Ugol lag, gehörten zum Fürstentum Rostow und waren sein nördliches Randgebiet. Seit dem Jahre 988 herrschte in Rostow 22 Jahre lang Jaroslaw der Weise (978-1054), der spätere Großfürst von Kiew, ein bedeutender Staatsmann und Politiker der Alten Rus. Historiker vermuten, dass Jaroslawl, der Wolgavorposten von Rostow Weliki, im Jahr 1010, dem letzten Regierungsjahr Jaroslaw des Weisen in Rostow, entstanden ist.
Eine alte Überlieferung schildert die Ereignisse, die dem Bau einer kleinen nach dem Fürsten Jaroslaw benannten Festung an der Stelle der heidnischen Siedlung vorangingen, so: Als Fürst Jaroslaw mit seiner vielzähligen Suite seine Ländereien abfuhr und nach Medweshi Ugol kam, hetzten die heidnischen Einwohner der Frühsiedlung den Bären, der als heilig galt, auf ihn. Der Fürst stellte sich dem Zweikampf mit dem wilden Tier und tötete es in einem schweren Kampf mit der Streitaxt. Diese halblegendäre Episode fand später ihre Widerspiegelung im Wappen von Jaroslawl, auf dem ein Bär abgebildet ist.
So wurde diese slawische Siedlung zu einem Zentrum der Fürstenmacht und zum Herd der Verbreitung des Christentums in dieser Wolgagegend. Allerdings hielten sich hier noch lange die Traditionen der aufwieglerischen heidnischen Zeiten. Bemerkenswert, dass Jaroslawl in der Chronik vom größten Aufstand der Bauern im Jahre 1071 erstmals erwähnt wird. Die tributpflichtigen Gemeindebauern (Smerden) töten die „angesehensten“ Reichen und bemächtigen sich ihres Eigentums. Von zwei Wolchwy (Zauberer) angeführt zogen die Aufständischen von Jaroslawl an der Wolga und Scheksna entlang bis nach Beloosero. Fürstliche Gefolgschaft schlug den Aufstand nieder und ließ die Wolchwy foltern und erhängen. Auslöser des Bewegung war eine Hungersnot.
Mitte des 11 .Jh. zerfiel der Altrussische Staat allmählich in selbständige Fürstentümer. Auch das Fürstentum Rostow-Susdal mit der Hauptstadt Rostow Weliki isolierte sich. Jaroslawl war um diese Zeit noch immer ein kleiner Wachpunkt an seiner unruhigen Grenze.
Im Jahre 1207 wurden Jaroslawl und Rostow dem Fürsten Konstantin (1207-1218) zugeteilt der Jaroslawl 1218 seinem Sohn Wsewolod abgab. So entstand das selbständige Fürstentum Jaroslawl, zu dem einige an der Wolga und an den Wolgaflüssen gelegene Städte gehörten. In der Geschichte Jaroslawls begann die Periode der politischen Selbständigkeit. Diesen Status hielt Jaroslawl über zweieinhalb Jahrhunderte.
Es war gesetzmäßig, dass Jaroslawl zur Hauptstadt des Fürstentums gewählt wurde, denn zu Beginn des 13. Jh. war diese Stadt größen- und bevölkerungsmäßig bedeutend die größte (ausgenommen Rostow) auf dem Territorium des heutigen Jaroslawler Gebiets. Von der Größe der damaligen Stadt zeugen Berichte eines Chronisten, der im Zusammenhang mit einem Brand im Jahre 1221 17 verbrannte Stadtkirchen nennt.
Die Hauptstadt des Jaroslawler Fürstentums sah ungefähr so aus: Auf der Strelka befand sich, von der Wolga und dem Kotorosl geschützt, die hölzerne Festung (der Kreml) – Rubleny Gorod (hölzerne Stadt). In der Mitte standen dicht gedrängt um einen kleinen, mit Holzstämmen ausgelegten Platz die Hütten der Drushina (Kriegsgefolge) und des Gesindes. Darüber ragte der einstöckige Fürstenpalast auf. Unter den vielen Holzbauten hob sich das damals einzige Steingebäude in Jaroslawl, die 1215 gebaute Mariä-Entschlafens-Kathedrale (nicht erhalten) ab. Au­ßerhalb der Festungsstadt wohnten viele Handwerker.
So sah Jaroslawl aus, als für den gesamten Russischen Staat eine Zeit schwerster Prüfungen begann, Joch der Goldenen Horde genannt (1237-1480). In weniger als zwei Jahren plünderten und verheerten die Horden aus dem Osten, die im Spätherbst 1237 in der nordöstlichen Rus einfielen, fast alle ihre Ländereien. Blühende Städte fielen eine nach der anderen in Schutt und Asche. Im Februar 1238 zerstörten und vernichteten die Horden des Khans Batu Jaroslawl.
Wie schwer die Folgen des Massakers auch waren, erholte sich Jaroslawl offensichtlich schnell davon. Die Einwohner, die in die umliegenden Wälder geflüchtet waren, kehrten an ihre Wohnstätten zurück, und die Stadt wurde wiederhergestellt. Mehr noch, zwanzig Jahre nach der Zerstörung gingen die Jaroslawler mit Waffen gegen die Goldene Horde vor, denn die Eroberer ließen die russischen Länder in den Jahren 1257 bis 1259 zwecks Besteuerung der Rus mit regelmäßigem Zoll erfassen.
Die Schlacht wurde am 3. Juli 1257 hinter dem Kotorosl, auf einem Hügel geschlagen, der später Tugowaja-Hügel genannt wurde. Die Kräfte waren nicht gleich, fast alle Jaroslawler Krieger fielen in dieser Schlacht zusammen mit ihrem Feldherrn, dem Fürsten Konstantin. Die Frauen, Kinder und Freunde der Gefallenen kamen noch lange zum Schlachtfeld, um der tapferen Krieger zu gedenken und sie zu beweinen. Damals erhielt der Hügel auch seinen Namen Tugowaja (Tuga – Schmerz, Trauer). So wird diese Stelle noch heute genannt.
In der ersten Hälfte des 14. Jh. setzte der Prozess des Zusammenschlusses der Länder und Fürstentümer um Moskau, der späteren Hauptstadt des einheitlichen Russischen Staates, ein. Das Fürstentum Jaroslawl stellte sich fest an die Seite Moskaus, und von nun ab befanden sich die Jaroslawler Fürsten in dem gleichen politischen Lager wie die Moskauer Großfürsten. Als zuverlässige und ständige Verbündete Moskaus nahmen sie mit ihrem Kriegsgefolge an allen Feldzügen des Großfürsten Dmitri Donskoi (1359-1389) teil, unter anderem auch an der berühmten Schlacht auf dem Kulikowo-Feld gegen den Khan Mamai (8. September 1380), der mit dem beeindruckenden Sieg des russischen Heeres endete. Der Sieg über die Tataren war zwar ein viel beachteter Erfolg, der zeigte, dass diese nicht unbesiegbar waren, blieb aber ansonsten ohne Konsequenzen. Nur zwei Jahre später griff ein Tatarenheer unter Khan Toktamisch Russland erneut an und nahm Moskau ein. Dmitri Donskoi hatte es diesmal vorgezogen, keine Schlacht mit den Eindringlingen zu wagen und – wie die Nowgoroder Chronik vermerkt – seine Hauptstadt angesichts der großen Zahl der Feinde mitsamt seiner Familie verlassen. Erst 1480, nach dem Stehen an der Ugra geben die Mongolen die Herrschaft über Russland kampflos auf.
Den politischen Zusammenschluss der russischen Länder zu einem einheitlichen Staat mit der Hauptstadt Moskau vollzog der Großfürst Iwan III. (1440-1505) in den 60er-80er Jahren des 15. Jh. Jaroslawl und das Jaroslawler Fürstentum schlossen sich 1463 Moskau an, als Fürst Alexander Fjodorowitsch seine Besitztümer dem Moskauer Großfürsten überließ und bei diesem in Dienste trat.

 

JAROSLAWL IM 16.-17. JH.

Mit der Stärkung des einheitlichen Russischen Staates wuchs auch die Bedeutung Jaroslawls, das an der Kreuzung wichtiger Handelswege lag, die von zentralen Gebieten des Landes in nördliche und nordöstliche Gegenden, in alte Städte mit entwickeltem Handwerk und hoher Kultur führten, in solche wie Rostow Weliki, Wladimir und Susdal. Die Rolle Jaroslawls wurde noch größer, nachdem Russland Mitte des 16. Jh. die feindlichen tatarischen Khanate Kasan und Astrachan an der mittleren und unteren Wolga besiegte und der Wolgaer Handelsweg, der Länge und der Bedeutung nach der größte, in seinen Besitz gelangte.
Gleichzeitig knüpfte der Russische Staat Mitte des 16. Jh. intensive Handelsbeziehungen mit England und Holland an. Im Jahre 1554 wurde in London die „Moscovy Company“ englischer Kaufleute gegründet, die von der russischen Regierung wichtige Handelsprivilegien zugesprochen bekamen. Und hier erwies sich Jaroslawl als wichtigste Stadt auf dem Handelsweg, der in einem System von Flüssen und Landwegen aus dem russischen Weißmeerhafen Archangelsk nach Moskau führte.
In der zweiten Hälfte des 16. Jh. besaßen die Engländer in Jaroslawl ihr Warenhaus. Hier wurde rege mit ausländischen Stoffen, Zucker, Gewürzen und Waffen gehandelt. Aus Jaroslawl gingen ausländische Waren über die Wolga in südliche Gebiete und weiter in die Länder des Ostens oder auf Landwegen mit Fuhrwerken nach Moskau. So wurde Jaroslawl in der zweiten Hälfte des 16. Jh. zum wichtigsten Knotenpunkt der Handelsbeziehungen des Russischen Staates mit dem Ausland. Es hatte auch für den Binnenhandel große Bedeutung. Im 16. Jh. dehnte sich die Stadt stark aus, vor allem der Teil, in dem Händler und Handwerker wohnten, der sogenannte Possad, der ein großes Territorium hinter der Medwedizki-Schlucht am Wolga- und Kotoroslufer einnahm. Zum Schutz des Possads wurde im zweiten Viertel des 16. Jh. ein Erdwall mit einem äußeren Wassergraben errichtet. Auf dem Wall wurden etwa 20 Holztürme mit Schießscharten aufgestellt. So bildeten sich endgültig das Territorium und die Grenzen des Possads – Semljanoi Gorod (Erdstadt) – heraus, der neben dem alten Rubleny Gorod den zweiten und den Hauptteil von Jaroslawl bildete.
In Rubleny Gorod befanden sich die Gemächer der Wojewoden (Statthalter), die Häuser der Stadtverwaltung, erhob sich die 1501 anstelle der bei einer Feuersbrunst verbrannten Fürstenkirche aus dem 13. Jh. errichtete Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Das übrige Territorium von Rubleny Gorod nahmen die Bojarenhöfe ein, die nur für den Aufenthalt der Feudalherren während einer Belagerung dienten. Zu Friedenszeiten, wenn die Bojaren auf ihren Stammgütern in Dörfern und Siedlungen lebten, standen die Höfe leer, wurden aber für den Fall von Kriegsgefahr in ständiger Bereitschaft gehalten – dann fanden die Besitzer mit ihren Familien, Kriegern und ihrem Gesinde sowie den wertvollsten Besitztümern hier Unterschlupf.
In Semljanoi Gorod konzentrierte sich die wohlhabende Bevölkerung des Possads; auf dem Handelsplatz standen Verkaufsreihen und Buden von Handwerkern sowie Schuppen. Die reich gewordenen Händler ließen verschiedenes Kirchengerät anfertigen, später auch Kirchen bauen. Die ersten Kirchen im Jaroslawler Possad bestanden aus Holz und sind natürlich nicht erhalten geblieben. Wichtig ist dabei etwas anderes – die heute allen bekannten Kirchen wurden an den Stellen errichtet, wo ihre hölzernen Vorgänger standen. Anders ausgedrückt, das Ensemble des Stadtpossads, seine Zusammensetzung und das System der vertikalen Dominanten wurden von russischen Städtebauern hauptsächlich im 16. Jh. geschaffen.
Insgesamt bildete sich Jaroslawl im Laufe mehrerer Jahrhunderte nach dem für russische mittelalterliche Städte klassischen radial-konzentrischen Schema heraus: der Kreml (Rubleny Gorod) – der Possad (Semljanoi Gorod) – die Sloboda (Vorstadt). Die Stadt wuchs aus dem historischen Kern; in Jaroslawl ist das die Strelka. Die aus anderen Siedlungspunkten zu Rubleny Gorod führenden Wege wurden allmählich zu Possadstraßen. Es kamen mehr und mehr neue Gebäude hinzu, die die ganze Fläche zwischen den radialen Straßen einnahmen. Im Zuge der Herausbildung des Possads siedelten sich die Handwerker nach Berufsgruppen in einzelne Vorstädte an, die oft ziemlich weit voneinander entfernt lagen. Im 16. Jh. befanden sich die Jaroslawler Vorstädte hinter dem Kotorosl, im sogenannten Ortsteil Saretschje, und hinter der Wolga.
Mitte des 17. Jh. begann für Jaroslawl die Zeit der höchsten Blüte. Es entwickelte sich zu einem bedeutenden Handwerkszentrum – in ganz Russland waren die Jaroslawler Erzeugnisse aus Leder, Silber, bedruckten Stoffen, Holzschnitzereien, Schmiedestücken und Kacheln bekannt. Im Handelsumfang stand es innerhalb des ganzen Staates an dritter Stelle (nach Moskau und Kasan). Außer den regen und entwickelten Handelsbeziehungen zwischen dem Norden, dem Mittelteil und dem Süden des Russischen Staates verfügte Jaroslawl auch über einen großen eigenen Stadtmarkt; hier wohnten reiche Kaufmannsdynastien – der sechste Teil des russischen Kaufmannspatriziats, die sogenannte Zarenhundertschaft.
Diese Oberschicht der Jaroslawler Kaufleute stellte nun große Mittel für den Bau monumentaler Kirchenensembles aus Stein zur Verfügung. Im Laufe des 17. Jh. wurden über 30 Kirchen errichtet. Viele sind erhalten, und an ihrem Beispiel können die Besonderheiten der Jaroslawler Kunstschule verfolgt werden, die einen großen Beitrag zur Kulturgeschichte des russischen Volkes, zur Entwicklung seiner Nationalkunst geleistet hat.
Ende des 17. Jh. hatte der Grundriss und die architektonische Gestaltung von Jaroslawl einen abgeschlossenen Charakter. Ein herrlicher Blick auf die Stadt bot sich von den wichtigsten Land- und Wasserwegen aus. Die aufstrebenden Linien der Kathedralen, Türme und Glockentürme, die über den malerischen niedrigen Holzhäusern aufragten, ergaben ein effektvolles Bild, eingerahmt von der schönen, lieblichen Landschaft.
So existierte Jaroslawl bis zum Ende des 19. Jh. mit den Grenzen, die sich Ende des 17. Jh. herausgebildet hatten. Obgleich sich in der architektonischen Gestalt vieles verändert hat, blieb doch die Struktur der Stadt die alte: Die im 18. Jh. vorgenommene Begradigung der Straßen beeinträchtigte jedoch nicht das natürliche Relief. Viele Häuser, die nach verheerenden Bränden gebaut wurden, fügten sich jedesmal in die malerischen, im Grün der Gärten versinkenden niedrigen Bauten ein.
Rubleny Gorod verlor Ende des 17. Jh. endgültig seine Bedeutung als Festung und diente jetzt nur noch als Aufenthaltsort für den Wojewoden und den Rostower Metropoliten, wenn der letztere in Jaroslawl weilte. Den Mittelpunkt des städtischen Lebens bildete nun Semljanoi Gorod, wo sich die Villen der meisten Jaroslawler Kaufleute konzentrierten und 14 Pfarrkirchen standen. Fast ein Viertel des Territoriums von Semljanoi Gorod nahm der riesige Handelsplatz ein, der sich von der Wolga bis zum Kotorosl erstreckte, dessen Ufer der wichtigste Hafen von Jaroslawl war.
Der Handelsplatz war mit Lagern, Scheunen und mehreren Handelsreihen bebaut. Dazwischen standen zahlreiche Kapellen, Wohnhäuser und Gasthäuser. Auf dem Handelsplatz befanden sich 32 Handelsreihen – Fische, Garküche, Fahrzeug, Ikonen, Sättel, Schuhwerk, Stoffe, Gemüse, Weizengebäck, Kaftane, Silbererzeugnisse, Pelze, Lebkuchen und vieles andere wurde hier angeboten. Zu Anfang des Platzes, von der Wolgaseite her, stand der Kaufhof, daneben der Zollhof, wo Handelszölle eingenommen wurden; nicht weit davon befand sich der sogenannte Becherhof, eine staatliche Einrichtung für den Verkauf von Wein, Bier und Honiggetränk.
Bei dem riesigen Brand im Jahre 1658 gingen alle hölzernen Befestigungen von Jaroslawl, auch die Türme und Holzmauern (Anfang des 17. Jh.) von Rubleny Gorod, 3 Klöster, 29 Kirchen und etwa 1500 Höfe in Flammen auf. Fast zehn Jahre brauchten die Jaroslawler, um die Stadt neu zu befestigen. Die neue Befestigung war nun anders. Anstelle der Holztürme wurden Steintürme und keine Mauern dazwischen gebaut, sondern nur die Wälle erhöht und die Wassergräben bedeutend vertieft.
Auch die Jaroslawler Handwerkervororte wurden ausgebaut. Hinter dem Wall von Semljanoi Gorod auf dem Gebiet zwischen der Wolga und dem Kotorosl bildeten sie ein großes Terrain. Auch hinter dem Kotorosl wuchsen die Vororte.

 

DIE JÜNGERE GESCHICHTE VON JAROSLAWL

Ende des 17./Anfang des 18. Jh. änderte sich im Zuge der Realisierung des gigantischen Plans der Umgestaltung Russlands von Zar Peter I. (1682-1725), durch die Gründung der neuen Hauptstadt St. Petersburg (1703), durch die Rückgewinnung der baltischen Länder im Nordischen Krieg gegen die Schweden (1700-1721), durch die Ausweitung der Handelsbeziehungen und anderer Kontakte mit Westeuropa die Lage und die Bedeutung Jaroslawls, obwohl es nicht ganz an Bedeutung verlor. Jaroslawl lag an dem alten und im Russischen Staat des 16. und 17. Jh. einzigen Handelsweg nach Westeuropa, der über die Nördliche Dwina, Archangelsk und das Weiße Meer führte. Mit der Gründung Petersburgs und anderer Häfen an der Ostsee verlagerte sich der Westhandel dorthin. Jaroslawl musste sich auf den Binnenmarkt umorientieren. Außerdem wurde es, seine Bedeutung als Handwerkerstadt behaltend, ein Zentrum der in Russland bereits im 17. Jh. aufgekommenen Manufakturindustrie.
Begründer der Jaroslawler Manufakturen waren größtenteils Kaufleute der Stadt. Im Jahre 1722 gründete der Kaufmann Maxim Satrapesnow mit seinen Söhnen und dem russifizierten Holländer Iwan Tames die größte Fabrik in der Stadt – die Große Jaroslawler Manufaktur. Diese ließen sie außerhalb der Stadt in einem großen Sumpfgebiet, am rechten Ufer des Kotorosl errichten. Bereits in den 40er Jahren des 18. Jh. waren hier über 1 400 Arbeiter tätig. Die Jaroslawler Weber stellten Tischdecken und Servietten aus Leinen, Möbel- und Wandstoffe, verschiedene andere Stoffe, billige Leinengewebe her – wunderschöne und vielfältige Erzeugnisse, buntgefärbt, bizarr gemustert, haltbar, fein und elegant gearbeitet.
Noch vor der Entstehung der Großen Manufaktur begann im Juli 1710 in Jaroslawl der Bau des Arsenals, wo bald die Waffenherstellung aufgenommen wurde. Ende des Jahrhunderts gab es in Jaroslawl insgesamt über 70 Industriebetriebe, darunter 10 Seidenmanufakturen, 20 Gerbereien. Natürlich waren das in der Hauptsache kleine Betriebe mit ausschließlich manueller Arbeit.
Das gesamte 18. Jh. war Jaroslawl hinsichtlich seiner Größe und der Bevölkerungszahl eine der bedeutendsten Städte Russlands. Im Jahr 1792 gab es in der Stadt 18613 Einwohner. Die größte Bevölkerungsgruppe bildeten die Handwerker und Kleinhändler – 7235 Personen; an zweiter Stelle standen die „Fabrikleute“, 4507 Personen, d.h. die Arbeiter der Jaroslawler Manufakturen; Kaufleute gab es 1564, Kirchendiener 497, genannt seien noch 233 Adlige mit 1 072 Leibeigenen – und das soziale Porträt der Stadt ist vollständig.
Allmählich bildete sich der örtliche Verwaltungsapparat heraus, und die Stadt nahm das Gepräge eines bedeutenden Verwaltungszentrums an. Zuerst (1727) wurde es zur Hauptstadt einer der Provinzen des Moskauer Gouvernements, ein halbes Jahrhundert später (1777) wurde die offizielle Statthalterschaft eingerichtet, und 1796 wurde es Gouvernement. Diese für Jaroslawl neue Funktion änderte das gesamte Stadtgepräge, das ganze öffentliche und soziale Leben.
Einen Höhepunkt im Kulturleben Jaroslawls im 18. Jh. bildete die Gründung des ersten russischen Berufstheaters im Jahre 1750. In der ersten Hälfte der 80er Jahre öffnete eine Druckerei, wo 1786 die erste russische Provinzzeitschrift „Ujedinjonny Poschechonez“ (Der abgeschiedene Poschechonjer – Poschechonje ist eine Stadt und ein Kreis im Jaroslawler Gouvernement und Symbol eines verlassenen Ortes, jwd) gedruckt wurde. Diese Zeitschrift brachte Beiträge zur Philosophie, Naturwissenschaft, Geographie, Geschichte und Heimatkunde heraus. Damals wurde in Jaroslawl auch das erste Buchgeschäft eröffnet.
Im 18. Jh. wurden einige Lehranstalten eingerichtet. Als eine der ersten (1747) das Slawisch- Lateinische Seminar. Die Zöglinge, Kinder von Kirchendienern, erhielten Unterricht in Religion, Arithmetik, Grammatik, Dichtkunst, Rhetorik und Philosophie; sie lernten Griechisch und Hebräisch. 1778 wurde ein Gymnasium mit einem Pensionat für Adlige, bald darauf auch eine Stadtschule für Kinder der „mittleren Schicht“, für Kinder von Kaufleuten und Kleinbürgern, eröffnet. 1786 sind das Gymnasium und die Schule zur Hauptvolksschule für Kinder aller Schichten umfunktioniert worden.
Architektur und Kunst wandelten sich in Jaroslawl im 18. Jh. grundlegend und jäh. Ursache dafür war unter anderem der unter Peter I. in Russland einsetzende Prozess der intensiven Aneignung der europäischen Kunst und der Einführung ihrer Stilbesonderheiten in Russland. Infolgedessen wurden die altrussischen Kunsttraditionen, darunter auch die örtlichen Jaroslawler, allmählich in den Hintergrund gedrängt. Jetzt werden nicht mehr wie einst große Kathedralen gebaut, sondern repräsentative Verwaltungs-, Handels­und Wohnbauten.
Im Jahre 1763 unterzeichnete die Zarin Katharina II. (1729-1796) den Erlass über die Ausarbeitung neuer Städteplanprojekte für sämtliche Städte. Damit stand eine kolossale Arbeit bevor: Fast 500 russische Städte sollten eine neue Stadtplanung erhalten. An ihre Durchführung ging eine Sonderkommission, die 1778 das endgültige Projekt des Stadtplans von Jaroslawl erstellte – ein ausgezeichnetes Beispiel des russischen Städtebaus des 18. Jh.
Durch den Generalbebauungsplan änderte sich die ursprüngliche Stadtanlage. Die winkligen, schmalen Straßen und unförmigen, aber in ihrer Unregelmäßigkeit malerischen Plätze, Gassen und Sackgassen wurden durch ein geometrisches Netz breiter Prospekte und weitläufiger Plätze ersetzt. Das heißt aber nicht, dass vom alten Jaroslawl, von mehreren Jahrhunderten Stadtentwicklung, nichts übrig geblieben ist. Erhalten sind fast alle alten Kirchen, die die Komposition und das Panorama der Stadt bestimmen, auch hat sich der Maßstab der Wohnbauten nicht geändert , so dass im Jaroslawl des 18. Jh. viel Traditionsreiches geblieben ist.
Was nun die Bebauung und das Aussehen einzelner Straßen und Plätze betrifft, so wurden sie natürlich bedeutend geändert. Es kamen beispielsweise zahlreiche Wohnhäuser aus Stein hinzu. Gab es Mitte des 18. Jh. in Jaroslawl insgesamt nur 43 Steinhäuser, so waren es Anfang des 19. Jh. bereits über 330 Gebäude und 185 Geschäfte aus Stein. Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass mit der Regelmäßigkeit ein für Jaroslawl neuer Architekturstil, nämlich der Klassizismus, eingeführt wurde.
Außer Wohnhäusern wurden nun auch intensiv Dienstgebäude errichtet, denn diese waren für Gouvernementsämter notwendig. Nach dem neuen Plan befanden sich diese innerhalb der Grenzen des ehemaligen Semljanoi Gorod, und so entstand die Voraussetzung für die Schaffung eines abgeschlossenen Ensembles eines neuen Stadtzentrums. Dieses wohldurchdachte und eigenartige Ensemble wurde nach und nach verwirklicht. Die Hauptarbeiten gingen in den 20er bis 30er Jahren des 19. Jh. zu Ende – der nächsten Etappe der intensiven Bautätigkeit in Jaroslawl. Doch bevor wir auf diese Phase eingehen, wenden wir uns wichtigen historischen Ereignissen Anfang des 19. Jh. zu.
In der Nacht zum 12. (24.) Juni 1812 fiel die französische Armee Napoleons ohne Kriegserklärung in Russland ein und drängte rasch in das Landesinnere vor. Es begann der Vaterländische Krieg von 1812, der von den ersten Monaten an von seiten Russlands Volkscharakter annahm. Nicht nur die Armee, sondern die gesamte Bevölkerung erhob sich zur Verteidigung des Vaterlandes.
Im Jaroslawler Gouvernement und in Jaroslawl wurde 1812 nicht gekämpft. Anfang des Krieges befand sich die Stadt im tiefen Hinterland der kämpfenden Truppen, aber als es Napoleon gelang, Moskau für kurze Zeit einzunehmen, wurde es zur Frontstadt.
Während des gesamten Krieges war Jaroslawl eines der Zentren für die Einkleidung der Soldaten und die Versorgung der Truppen. Hier wurden Regimenter aufgestellt, Geldmittel für die Armee gesammelt, die Volkswehr geschaffen, hier befanden sich auch zahlreiche Lazarette.
Als die Jaroslawler Volkswehr im Bestand der russischen Armee in Verfolgung der geschlagenen französischen Armee über die Grenzen Russlands nach Europa vorgerückt war, kam das Leben in Jaroslawl wieder in seine alte Bahn. Im Theater des Fürsten Urussow, in dem Leibeigene spielten, liefen russische Stücke. An der Demidower Berufsschule für höhere Wissenschaften (später Demidower Juristisches Lyzeum) wurde der Unterricht fortgesetzt. Diese erste höhere Lehranstalt in der Stadt wurde auf Anregung des reichsten Jaroslawler Grundbesitzers, des Mäzens Pawel Demidow im Jahre 1805 gegründet.
Eine große Gruppe von Zöglingen der Moskauer Universität wurde als Lehrkräfte gewonnen. Etwa um die selbe Zeit öffneten auch ein Gymnasium und bald darauf die erste Lehranstalt für Frauen – das Pensionat für höhere Töchter. Insgesamt lernten an mittleren und höheren Lehranstalten Jaroslawls 563 Personen.
Zu den zahlreichen Industriebetrieben der Stadt gehörten Leinwand-, Seiden- und Flittergoldmanufakturen, der größte Betrieb blieb nach wie vor die Große Manufaktur mit 3800 Arbei­tern.
Nach wie vor hielt sich Jaroslawl auch seine Position als Handelszentrum. In der ersten Hälfte des 19. Jh. gab es in Russland noch wenig Eisenbahnstrecken, und die Wolga war noch immer die wichtigste Verkehrsmagistrale. Praktisch alle Schiffe vom Unterlauf des Flusses wurden von Treidlern nach Jaroslawl gezogen. Eine große Menschengruppe zog das schwerbeladene Schiff an Schleppseilen stromaufwärts, indem sie sich langsam am Rand des Wassers bewegte. Das war eine schwere, zermürbende Arbeit. Der große russische Maler llja Repin sah darin ein bewegendes Bild menschlichen Leidens, das er auf seinem bekannten Gemälde „Wolgatreidler“ (1870— 1873, Moskauer Tretjakow-Galerie) zum Ausdruck gebracht hat.
In Jaroslawl wurden am Wolgaufer viele Anlegestellen und Häfen gebaut. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend brodelte hier die Lade- und Löscharbeit. Auf dem steilen Wolgaufer, gewissermaßen über dem hektischen Treiben, erhob sich die herrliche Stadt…
In den 20er-30er Jahren verschönerten neue Architekturensembles im Stil des vollendeten Klassizismus das Stadtbild, die das entwickelten und ergänzten, was bei der neuen Stadtplanung erreicht worden war.
An der Stelle der ursprünglichen Wälle und Wassergräben von Semljanoi Gorod entstanden hier Boulevards. Uferstraßen, die steil zur Wolga abfielen, wurden begrast, hier und dort Gartenhäuschen aufgestellt, über die Uferschluchten Brücken geschlagen. Das gab dem Stadtbild neuen Reiz. Jaroslawl war nun ohne Boulevards, ohne die grünen Abhänge, die Gartenhäuschen, ohne die schmiedeeisernen Gitter nicht mehr vorstellbar.

 

JAROSLAWL IM 19. BIS ANFANG 20. JH.

Im 19. Jh. war Jaroslawl eine der größten Städte des Landes, typisch für das kapitalistische Russland. Rasch vermehrten sich Fabriken und Werke, auch die Zahl der Arbeiter stieg. Im Jahre 1890 hatten die 47 Industriebetriebe rund 10000 Beschäftigte. Jaroslawl stand an achter Stelle unter den bedeutenden Zentren der Fabrikindustrie des europäischen Teils Russlands.
In der zweiten Hälfte des 19. Jh. hatte Jaroslawl Eisenbahnverbindung mit Moskau, Petersburg, Archangelsk und anderen Städten. 1913 wurde die Eisenbahnbrücke über die Wolga eingeweiht, die die Verbindung mit Sibirien erleichterte. Wieder wurde Jaroslawl zu einem Transitpunkt sich kreuzender Wege, jetzt aber Eisenbahnwege, was seine Bedeutung als Flusshafen keineswegs beeinträchtigte. In den 50er Jahren des 19. Jh. verkehrten russische Dampfer auf der Wolga. Das Treidlergewerbe starb allmählich aus. Trotzdem konnte man am Wolgaufer noch Menschen treffen, die mit krummen Rücken, in dicke Schleppseile eingespannt, im Schweiße ihres Angesichts Schiffe zogen.
Rasch wuchs auch die Bevölkerungszahl. Lag sie 1887 bei 52000, so hatte sie 1913 bereits die Zahl 109000 erreicht. Um die Zeit begann die intensive territoriale Ausdehnung der Stadt. Die Bebauung erfolgte allerdings im Unterschied zu früheren Epochen Ende des 19./Anfang des 20. Jh. spontan und ohne einheitlichen Grundgedanken. Die klassizistische regelmäßige Städteplanung vom Ende des 18. Jh. im gesamten Altteil wurde nicht weiterentwickelt; je nach Bedarf wurden neue Industrie- und Lagerterritorien, auch kleinere Wohnsiedlungen angegliedert, Mietshäuser, Villen der Großbourgeoisie, Handelsgebäude, Banken, Hotels mit Restaurants gebaut. Das klassizistische Gepräge von der ersten Hälfte des 19. Jh. wurde an der Schwelle vom 19. zum 20. Jh. allmählich verdrängt. Das war übrigens für alle russischen Städte typisch, denn weil Privateigentümer jetzt sehr viel bauten, verlor der Staat die Kontrolle darüber, die damaligen Auftraggeber aber ließen sich vom neuen Architektur- und Kunststil der Epoche, von der Eklektik, leiten. Auf den Jaroslawler Straßen entstanden nun zahlreiche Bauten, für deren Schmuck die Architekten die ganze Palette sämtlicher histori­scher Stilepochen nutzten -die Renaissance, den Frühklassizismus, den pseudorussischen Stil.
Wie jede kapitalistische Stadt war auch Jaroslawl voll von Kontrasten. In der Stadtmitte gab es elegante Viertel mit gepflegten Häusern, sauberen und beleuchteten Straßen und im Gegensatz dazu die in Schmutz versinkenden Randgebiete, wo die Arbeiter eng an eng in Holzhäuschen wohnten.
Nach der Volkszählung von 1897 war die Hälfte der Einwohner von Jaroslawl Analphabeten. 1899 besuchten 2359 Kinder, also weniger als die Hälfte aller Kinder im Alter von 8 bis 10 Jahren, die 13 Grundschulen und 10 Kirchenschulen (das heißt jene Schulen, in denen Arbeiterkinder unterrichtet werden durften). Die erste unentgeltliche öffentliche Bibliothek mit einem recht bescheidenen Bücherbestand von 1 000 Büchern wurde im Jahre 1899 eröffnet. Zehn Jahre später gab es fünf Bibliotheken.
Schlecht stand es um das Gesundheitswesen. Das 1914 eröffnete Städtische Krankenhaus hatte 60 Betten; auf der Geburtsstation der Klinik der Ärztegesellschaft kamen auf 20 Betten meist 35 bis 40 Frauen. 1912 gab es 62 Ärzte für die Bevölkerung. Dabei muss man bedenken, daß Jaro­slawl damals ungefähr 125000 Einwohner hatte. Die Augenklinik mit 30 Betten war überhaupt die einzige im ganzen Gouvernement.

 

JAROSLAWL IN DER SOWJETISCHEN ÄRA

In der sowjetischen Ära stieg Jaroslavl zu einer der wichtigsten Industriestädte an der Wolga auf. Aus Jaroslavl kamen die ersten sowjetischen Lastwagen und Oberleitungsbusse; der Maschinenbau produzierte den ersten sowjetischen Dieselmotor für Großlastwagen; in der Stadt entstand das weltweit erste Werk zur Produktion von synthetischem Kautschuk. Noch heute befindet sich hier eines der größten russischen Reifenwerke. Die hier ansässige chemische Industrie produziert vor allem Lacke und Farben.
In Jaroslawl leben heute etwa 600.000 Einwohner. Die Stadt ist in sechs Stadtbezirke gegliedert, von denen sich nur einer am östlichen Ufer der Wolga befindet. Die Wolga überspannen eine Eisenbahnbrücke und drei Autobrücken. In Jaroslawl gibt es vier Universitäten, eine Landwirtschaftliche Akademie, zwei Militärhochschulen und eine Theaterschule. Reich ist das kulturelle und künstlerische Leben mit vier Theatern, Philharmonie, Planetarium, Zirkus sowie zahlreichen Museen und Galerien.
Die bekannteste Ehrenbürgerin von Jaroslawl ist Valentina Tereskova, die erste Frau im All und daher eine der Ikonen der russischen Raumfahrt. Sie arbeitete, bevor sie in den Kosmos flog, in einer Jaroslawler Textilfabrik. Am 16. Juni 1963 umrundete sie mit dem Raumschiff „Wostok 5“ 48 Mal die Erde.
Zum 1000-jährigen Jubiläum der Stadt wurde ein vor allem für Kinder gedachtes Kosmologisches Zentrum eingeweiht, das den Namen von Valentina Tereschkova trägt. Es befindet sich in der ul. Tschaikowskowo 3.

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