Rostow am Don

Tag Eins und Beginn der Flussreise über Väterchen Don und Mütterchen Wolga.

Unser Spruch des Tages:
Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen.
(J. W. von Goethe)

Rostow und seiner Umgebung eilt der Ruf voraus, ein ökologisches Krisengebiet. das „Chicago Russlands“, aber auch ein exotische Hoffnungen weckendes „Tor zum Kaukasus“ zu sein. Vom Fluss Don und der von ihm durchflossenen Steppenlandschaft hatte ich durch die Pflichtlektüre auf der Oberschule, den Roman „Der Stille Don“ von Michail Scholochow, eine vage Vorstellung. Die durch Scholochows Roman geweckten phantasiereichen Träume waren der eigentliche Grund, weshalb ich neben der Wolga auch den Don kennenlernen wollte und somit die 20 Tage dauernde, schlussendlich 4.894 km lange Reise von Rostow-am-Don nach St. Petersburg auf der MS Kandinsky zu buchen.
Was ich bisher nicht wusste, war, dass Katharina II. im achtzehnten Jahrhundert auf der Krim lebenden Armeniern erlaubte, in den durch Potemkin eroberten Gebieten am Don zu siedeln. und dass diese dort die Stadt Nachitschewan gründeten, die erst 1920 in die russische Stadt Rostow eingegliedert wurde. Wer sich für die historischen Hintergründe dieser Stadtgründung interessiert, lese bitte die PDF-Datei „Katharina die Große annektiert die Krim“.
Nachitschewan und dessen armenische Kirche sowie die alte Kosakenhautstadt Tscherkassk (korrekte Bezeichnung: Starotscherkasskaja, ca. 40 km nördlich von Rostow am Ufer des Don gelegen) haben wir während dieser Stadtrundfahrt gründlicher kennengelernt als das russische Rostow. Als wir jedoch aus Starotscherkasskaja nach Rostow zurückkehrten, setzte hier ein ungemütlicher Nieselregen ein, außerdem blieben uns eh nur wenige Minuten, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden.
Aber der Reihe nach:
Nach einem Flug von Berlin-Schönefeld nach Moskau-Scheremetjewo durften wir, trotz gegenteiliger Behauptungen durch Aeroflot – ohne Kofferschleppen und neu einchecken des Gepäcks – in unser Flugzeug nach Rostow umsteigen, wo wir Abends, es war bereits dunkel, ankamen. Andern Morgen um sieben Uhr habe ich dann, noch ganz verschlafen, von meiner Kabine aus das erste Mal Väterchen Don gesehen und „videografiert“ (Das Video).

Um acht Uhr begann unsere Stadtrundfahrt, deren Stationen die Anordnung der Bilder in meiner Bildergalerie am Schluss des Beitrages folgt.
Zuerst ging es zum Theaterplatz mit Gorkitheater, dessen äußere Form an einen Traktor erinnert, und mit einer 70m hohen Stele der Befreiung der Stadt von der Besatzung durch Nazideutschland gedenkt (Video: Der Theaterplatz in Rostow) – Wie man sieht: Ein riesiger, windiger Platz, auf dem man sich etwas verloren vorkommt …

Danach fuhren wir eine kurze Strecke zum armenischen Stadtteil Nachitschewan und besuchten dort das Innere der armenisch-apostolische Kirche des Heiligen Harutyun. Davor eine steinerne Flamme, geformt aus zum Himmel gestreckten Armen, die an den Völkermord an den Armeniern Ostanatoliens im Jahr 1915 durch das Osmanische Reich erinnert.

Im daneben befindlichen Frunze-Park beeindruckte mich ein Memorial mit einer Ewigen Flamme zum Gedenken an die im 2. Weltkrieg getöteten Einwohner der Stadt, deren kaum vorstellbare Zahl als Namen auf Stelen in Stein gemeißelt wurden – was für Leid der ideologische Wahnsinn der deutschen Faschisten über diese Stadt und das ganze Land brachte! Doch welche Ideologie, wird sie zum Zwang, ist kein Wahnsinn? Schließlich sah ich dann noch den Ideologen Karl Marx von seinem Denkmal zukunftsfroh auf eine „Alkoteka“ – mit einem Angebot vom auserlesenen bis zum schlichten Geschmack – auf der anderen Straßenseite blicken – das machte auch mich wieder froh.
Danach wurden wir mit dem Bus nach Starotscherkasskaja gefahren. Die Staniza Starotscherkasskaja liegt am rechten Donufer, 30 km von Rostow am Don entfernt. Sie wurde Ende des XVI. Jahrhunderts als Hauptstadt der Don-Kosaken gegründet und ist Geburtsort des Generals Matwej Platow.
Die ersten schriftlichen Erwähnungen gehen auf das Jahr 1593 zurück. Andere Quellen behaupten, dass das Städtchen durch die Saporoger-Kosaken (auch Tscherkessen-Kosaken genannt) schon im Jahre 1570 auf einer Don-Insel gegründet wurde. Von hier aus und aus dem Klosterstädtchen begann der berühmte Kosaken-Feldzug gegen die damalige osmanische Festung Asow, deren 4-jährige Belagerung 1637-1641 und Eroberung. Das Osmanische Reich hat sich im Jahre 1643 mit der Vernichtung von Tscherkassk und des Klosterstädtchens gerächt. Doch schon 1644 wurde die Stadt Tscherkassk – nun allerdings auch gut befestigt – wieder aufgebaut. Seit diesem Jahr war Tscherkassk Hauptstadt der Don-Kosaken. Im Jahr 1805 wurde auf Betreiben von Matwej Platow die Stadt Novotscherkassk gegründet und fast alle Bewohner zogen in die neue Hauptstadt der Donkosaken um. Nur wenige blieben am alten Ort, auch weil sich dort die im 17./18. Jahrhundert gegründete Auferstehungskathedrale auf dem Maidan befand. Diese war die erste Steinkathedrale am Don. Vorher waren alle Bauten aus Holz, was trotz sehr strenger Regeln zum Umgang mit dem Feuer zu häufigen Bränden in Tscherkassk führte. Oft ist das Städtchen fast bis auf den Grund abgebrannt. Nach einem der Brände wurde eine neue 9-Kuppelkirche an der Stelle der hölzernen Kathedrale gebaut, die bis zu unserer Zeit fast unveränderlich in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben ist. Sie wurde in der Zeit von 1706 bis 1719 gebaut. Große Unterstützung wurde dabei von dem russischen Zaren Peter dem Ersten geleistet. Laut einigen Dokumenten aus jener Zeit hatte Peter der I. die Grundsteinziegel zum Altarraum eigenhändig gelegt. Von 1725 bis 1730 wurde der 45 m hohe Glockenturm mit Zeltdach neben der Kathedrale gebaut. Ein Glockenturm von solcher Hohe war für Südrussland damals einzigartig. Bis 1805 war die Auferstehungskathedrale die Hauptkathedrale des ganzen Don-Kosakenheeres.
Die beeindruckende Ausstattung des Innenraums kontrastiert mit dem äußerlich schlichten Aussehen der Kathedrale. Die außergewöhnliche, vergoldete Schnitz-Ikonostase aus der Mitte des XVIII. Jahrhunderts besteht aus 149 Ikonen in 5 Reihen und hat die Größe von 19 x 23 m.
Vor dem Altar steht die Metalltafel mit der Gussaufschrift, dass die russischen Zaren und Fürsten an dieser Stelle gebetet hatten. Vor dem Eingang in die Kathedrale hängen massive Ketten und Fesseln an der Wand, in die Stepan Rasin angeblich vor seiner Hinrichtung gefesselt wurde. Neben dem Glockenturm kann man die Beute aus der Festungsbelagerung von Azov bewundern.
Vorher besichtigten wir das Kloster der Gottesmutter vom Don mit dessen Hauskirche Donskaja und das ehemalige Haus des Ataman Daniil Efremov, in dem sich heute das Museum zur Geschichte und den Alltag der Donkosaken befindet. Hier fand dann auch das Konzert des Ensembles фольклорного коллектива Старочеркасского историко-архитектурного музея-заповедника für uns statt:

Diese Stadtrundfahrt fand mit einem kurzen, feuchten Aufenthalt am Gorki-Park um ca. hab zwei Uhr am Nachmittag ihren Abschluss.
Nach dem Mittagessen hieß es um 15 Uhr „Leinen los, den Anker gelichtet!“ unter musikalischer Untermalung mit dem Ohrwurm „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr, die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer„. Doch das angeblich schwere Herz war voll freudiger Erwartung auf die Schifffahrt auf Väterchen Don zu Mütterchen Wolga. Das Lied „Nehmt Abschied, Brüder …“ im ganz zum Schluss des Beitrages zu findenden Video habe ich für Orgel (Orgue de Forcalquier/Südfrankreich) gesetzt und auf dem PC per MIDI eingespielt.
Doch zunächst wurde es noch nichts mit „Flussgucken„, denn nun hieß es eine Informationsrunde zum Schiff unsere Urlaubsreise und die Sicherheitsregeln an Bord mit anschließendem Übungsalarm pflichtgemäß zu absolvieren. Eine Stunde Freizeit blieb danach zum Flussgucken und faulen Abhängen bis zum Abendbrot um 19 Uhr (auf dem Schiff galt Moskauer Zeit) und danach wurde es schon dunkel.

Der Veranstalter dieser Flussreise über Don und Wolga von Rostow am Don mit der MS Kandinsky nach St. Petersburg ist Phoenix Reisen GmbH Bonn.

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