Pljos und Kostroma

Tag Dreizehn: Pljos (Плёс) und Kostroma (Кострома́)

 

Unser Spruch des Tages:
Die Erinnerung ist das einzige Paradies,
aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Heute um acht Uhr ist der kleine Ort Pljos (Плёс) unser erstes Ziel – ich hatte bisher keine Ahnung, was uns dort erwarten konnte. Doch mein Spaziergang in  dem idyllischen Pljos wurde für mich zu einem der Höhepunkte dieser Wolgareise. Die Ortschaft Pljos, die nur 4.000 Einwohner hat und wegen ihrer schönen Lage bekannt ist („Russische Schweiz“) liegt in malerischer Landschaft am rechten Steilufer der Wolga. Berühmt wurde Pljos durch den impressionistischen Maler Isaak Lewitan (1860-1900), der Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Male nach Pljos kam und malte: 23 Gemälde und 50 Zeichnungen soll er hier geschaffen haben. Das Bild „Abendstimmung im Goldenen Pljos“ fand besondere Bewunderung durch Lewitans Freund, Schriftsteller Anton Tschechow.

Isaak Lewitan „Abendstimmung im Goldenen Pljos"

Isaak Lewitan „Abendstimmung im Goldenen Pljos“

1972 wurde in der Stadt ein Lewitan-Museum eingeweiht.

Pljos wurde 1410 an den Sandabhängen der Wolga an der Einmündung des Flüsschens Schochonka vom Moskauer Fürst Wassilij I. gegründet: er ließ die Festung Pljosso als Schutz gegen das Kasaner Khanat errichten. Pljos nennt man den geraden, hindernisfreien Abschnitt zwischen zwei Flusswindungen. Nachdem die Tataren und die Polen besiegt waren, entwickelte sich Pljos zu einem Handelszentrum. Durch den Bau der Eisenbahnlinie Iwanono-Kineschma verlor Pljos an wirtschaftlicher Bedeutung und begann, sich als Kurort zu entwickeln.
Auch von Bord des Schiffes aus gut zu sehen sind verschiedene Kirchen aus den letzten drei Jahrhunderten: die Dreifaltigkeits-Sommerkirche (1828), die Auferstehungskirche mit den fünf schlanken grauen geschuppten Zwiebelkuppeln und Glockenturm (19. Jahrhundert) sowie Kirche der Heiligen Barbara (1821) aus weißem Stein mit fünf grünen Kuppeln, die Kreuze tragen, und dem Glockenturm. Das größte Gebäude unterhalb dieser Kirche am Ufer gehörte zwei reichen Kaufleuten und beherbergte 1898 das Malerstudio Lewitans. Seit 1960 ist es das Haus-Museum. Es beherbergt u.a. eine Gemäldegalerie sowie das Isaak-Lewitan-Museum, dort konnte ich die stimmungsvolle Landschaft, die ich mir eben erwandert hatte, noch einmal gemalt ansehen. 

Leider ging es schon um zehn Uhr weiter nach Kostroma, einer alten russischen Stadt, die dem Goldenen Ring alter Städte um Moskau zugeordnet wird. Der Gründer Kostromas war Jurijj Dolgorukij, jener Fürst, der auch den Grundstein zum Kreml in Moskau legte. An der Mündung des Flusses Kostroma in die Wolga ließ er 1152 eine Festung bauen. Sie befand sich an der Stelle, an der sich heute der Park oberhalb der Anlegestelle erstreckt. Den Kreml wurde von den Mongolen geschleift, aus Holz abermals wiederaufgebaut, doch brannte er eines Tages erneut ab und verschwand damit endgültig aus dem Stadtbild. Das war im 18. Jahrhundert, als sich die Wolga endgültig in russischer Hand befand und sich die Städte am Strom keiner äußeren Gefahr mehr zu erwehren hatten. Der Brand von 1773 hatte zusammen mit dem Kreml alle anderen hölzernen Bauten der Stadt vernichtet.  Danach baute man das Zentrum im klassizistischen Stil wieder auf. Schön sind die fächerförmig angeordneten Straßen und die sehr gut erhaltenen Handelsreihen.

Das prächtige Ipatios-Kloster (Ipatjew-Kloster) (14. Jh.), das wir als erstes Highlight Kostromas besuchten, entging den Flammen. Es wurde von Boris Godunows Vorfahren gegründet und diente später als Verbannungsort für seine Rivalen, die Romanows. In der von goldenen Kuppeln gekrönten Dreifaltigkeitskathedrale (17. Jh.) gibt es eine Ikonostase und Fresken von Juri Nikitin  (1690–1742) zu sehen. Der ehemalige Wohnsitz der Romanows birgt heute eine Ausstellung über den letzten Zaren, Nikolaus II., und seine Familie mit Fotografien, Briefen und Aquarellen. Das Ipatios-Kloster gehört seit 2005 wieder der orthodoxen Kirche und steht Besuchern offen.
Bis auf Peter den Großen statteten alle russischen Zaren Kostroma mindestens einen Besuch ab. Im ausgehenden 17. Jahrhundert war die Stadt nach Moskau und Jaroslavl die drittgrößte in Russland. Bedeutung und Reichtum hatten nicht nur mit der günstigen Lage als Handelszentrum zu tun, sondern vor allem mit dem Ipatios-Kloster (Ипатьевский монастырь) an der Kostroma.
Eine Legende über die Gründung des Klosters berichtet von einem tatarischen Fürsten mit Namen Cet, der 1330 auf dem Weg aus Kasan zum Moskauer Großfürsten war. Unterwegs erkrankte er, und an der Kostroma verließen ihn die Kräfte. Von Fieberträumen gequält, erschien ihm in einer Vision die Jungfrau Maria in Begleitung des Apostels Philipp und des Märtyrers Ipatios. Die Jungfrau versprach dem tatarischen Fürsten Heilung. Am nächsten Tag legte Cet das Gelübde ab, dass er im Falle seiner Genesung an dieser Stelle ein Kloster gründen wolle. Er wurde gesund, ließ sich taufen und stiftete das nach dem Märtyrer genannte Kloster. Der Stammbaum des Zaren Boris Godunow (reg. 1598-1605) geht auf den tatarischen Fürsten Cet zurück, weshalb die Godunows das Kloster von Beginn an mit Privilegien unterstützten; es erhielt unter anderem die beträchtlichen Einnahmen aus dem Fährverkehr über die Wolga.
Im 16. Jahrhundert wurden die hölzernen Bauten durch steinerne ersetzt. Eine steinerne Mauer umfasste das Gelände mit der Dreifaltigkeitskathedrale, den Zellen der Mönche und dem Gebäude des Abtes. Das Kloster war für seine Freskenmaler berühmt, die im ganzen Land die Innenräume dutzender Kirchen gestalteten. Die im Kloster verwahrte Ipatios-Chronik gilt als eines der wertvollsten literarischen Zeugnisse über das frühe russische Mittelalter.
Mit dem Tod von Boris Godunow 1605 erlosch der Glanz dieser Bojarendynastie, und die „Jahre der Wirren“ begannen. 1609 besetzten die Polen das Ipatios-Kloster, wurden jedoch recht bald von Aufständischen vertrieben. Die von Godunow verbannten Romanows – Maria Nagaja und ihr Sohn Dmitri – hatten in den Klostermauern Zuflucht gefunden. Ihre Gemächer im Haus des Abtes sind heute Museum. Im Februar 1613 wurde Michail Romanow hier zum Zaren gewählt. Kurz nach der Wahl brach er mit seinem Gefolge nach Moskau auf, um sich im Kreml krönen zu lassen; der Beginn der 304 Jahre währenden Herrschaft des Romanows. Das Ipatios-Kloster galt als Familienheiligtum. Gemessen an der Zahl der Leibeigenen, war es das viertgrößte Kloster im Land. In den ersten Jahrzehnten nach den dramatischen Ereignissen von 1612/13 flossen immense Mittel in die Rekonstruktion der Anlage. Ironie der Geschichte: So wie der Beginn der Romanow-Dynastie mit dem Namen Ipatios (russ. Ipatjew) verbunden war, so stand auch am Ende ein Ipatjew: der Besitzer des Hauses in Ekaterinburg, in dessen Keller Zar Nikolaus II., seine Frau und die Kinder 1918 erschossen wurden.
Die Dreifaltigkeitskathedrale ist das einzig vollständig erhaltene Gotteshaus. Sie wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet, nachdem zunächst eine Explosion, dann ein Sturm die von den Godunows finanzierte Vorgängerkirche zerstört hatten. Die Fresken im Innern haben nach Rekonstruktionsarbeiten leider an Leuchtkraft verloren.
Die Blüte des Ipatios-Klosters währte hundert Jahre. Dann teilte es das Los aller anderen russischen Klöster; denn Peter der Große brauchte Geld für seine Kriege und Metall für seine Kanonen. Im folgenden Jahrhundert verloren die Mönche in Kostroma die meisten ihrer Ländereien und sonstigen Einkünfte, 1918 wurde das Kloster aufgelöst und später zu einem Museum.
In den letzten Jahren wurden die Zellentrakte für die Mönche restauriert, und in der Dreifaltigkeitskathedrale finden bereits wieder regelmäßig Gottesdienste statt.

Jenseits der Klostermauern befindet sich ein 1955 gegründetes Freilichtmuseum, das wir aber – obwohl im Ausflugsplan vorgesehen – nicht besuchten.

Der Wiederaufbau Kostromas nach dem Brand von 1773 geschah nach den Plänen Katharinas II. Vom zentralen, zur Wolga hin offenen Susanin-Platz streben sieben Straßen wie die Radialen eines Fächers ins Landesinnere. Umgeben ist der Platz von einzigartig schönen Gebäuden.
Bis zu den bolschewistischen Umwälzungen stand im Zentrum des Sussanin-Platzes ein Denkmal, das ihm den Namen gegeben hat, die Sussanin-Säule. Die Skulptur zu ihren Füßen huldigte dem Bauern Ivan Sussanin, die sie krönende Büste dem jungen Michail Romanow, der als 16-jähriger 1613 den Thron bestieg und die Dynastie der Romanows begründete. Die historische Episode, an die die Säule erinnerte, soll sich zugetragen haben, als der junge Romanow mit seiner Mutter im nahegelegenen Ipatios-Kloster Zuflucht gefunden hatte. Ein polnisches Heer zog 1612 aus, um des Prätendenten auf den russischen Thron habhaft zu werden. Ein Bauer bot an, sie nach Kostroma zu führen. Anstatt an ihr Ziel zu gelangen, verirrten sich die Polen. Der Legende zufolge quälten sie den Bauern, der kein anderer als jener Ivan Sussanin war, zu Tode – Michail Romanov war gerettet. Der Architekt der Säule gab dem aufopferungsvollen Patriotismus des Bauern Gestalt, und nach dem Sujet dieser Legende komponierte Michail Glinka (1801 -1857) im Jahr 1836 die Oper „Ein Leben für den Zaren“. Sie avancierte zur ersten russischen Nationaloper, mit ihr wurde 1860 das Mariinskij-Theater in St. Petersburg eröffnet. Unter Boris Jelzin wurde eine der Melodien aus der Oper zur Nationalhymne, die aber ohne Text intoniert wurde. Übrigens sagt man noch heute in Russland zu Leuten mit schlechtem Orientierungssinn, sie seien ein „Sussanin“.
Den Bolschewiki gefiel die Säule nicht. Zu offensichtlich verehrte sie den Zaren, zu dessen Füßen Iwan Sussanin demütig als Held starb. Sie ließen sie als Symbol der Selbstherrschaft stürzen. Ein Fragment liegt heute am Zugang zum zentralen Platz. Das sowjetische Ivan-Sussanin-Monument, eine überlebensgroße Skulptur, steht seit 1967 etwas näher zur Wolga in einer Grünanlage zwischen den beiden zentralen Handelsreihen.

Die beiden Handelsreihen  (Торговые ряды) – auf der nördlichen Seite der Markt und auf der südlichen der Gostinyj Dvor, der Handelshof – sind heute zwei der ganz wenigen in Russland erhaltenen Anlagen dieser Art. Errichtet wurden sie Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Die klassizistische Strenge der Architektur jener Epoche hat sich hier ein einzigartiges Denkmal geschaffen. Hinter von Säulen getragenen Galerien erstrecken sich die Läden der Händler. Sie bestehen aus zwei Stockwerken – dem eigentlichen Verkaufsraum und einem niedrigen Dachboden – sowie dem Keller, der als Lagerraum diente. Die Namen der Handelsreihen – Gewürz-, Tabak-, Öl, Fisch- oder Mehlreihe – verrieten, was hier vornehmlich verkauft wurde. 1833 lebten in Kostroma 12 000 Einwohner, und es gab 288 solcher Kleingeschäfte. In das Innere der Handelsreihen führen Tore auf allen vier Seiten. Das eindrucksvollste ist das „Schöne Tor“ (Krasnye vorota) in der Westfassade des Handelshofes, mit der Erlöser-Kirche und einem Glockenturm.

Hinter dem Gostinyj Dvor beginnt der Park, der sich auf dem Territorium des ehemaligen Kreml erstreckt. Sein Wahrzeichen ist das monumentale Lenin-Denkmal. Das Postament, auf dem Lenin in die Ferne weist, passt ganz offensichtlich nicht zu ihm. Es war auch nicht für ihn gedacht, sondern für die Zarendynastie. Nikolaus II. hatte hier 1913 während einer der zahlreichen Feierlichkeiten zum 300. Jahrestag der Romanows den Grundstein zu einem Zarendenkmal gelegt. Bis 1914 entstand das Postament. Die Revolution fegte die Herrschaft der Romanovs hinweg, und so überragt die Leninstatue so gut wie alle Gebäude in Kostroma. Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale am Hochufer der Wolga, die ihm in dieser Hinsicht Konkurrenz machte, wurde Anfang der 1930er Jahre gesprengt.

Bis 1991 war Kostroma wegen der Militär- und Raumfahrtindustrie für Ausländer gesperrt und war trotz damals bereits 300.000 Einwohnern auf sowjetischen Karten kaum zu finden.

Am Abend  erlebten wir einen weiteren Höhepunkt dieser Reise, von dem ich mir vorher nur wenig versprochen hatte, den erfrischend launigen aber professionellen Auftritt der Tanzgruppe „Rhythmus“ aus Kostroma. Da ich dummerweise meinen Fotoapparat in der Kabine gelassen hatte, habe ich von der mitreisenden Doris Jähmlich Videos und Bilder von dem Auftritt dieser Truppe aus der MS Kandinsky bekommen und weitere aus dem WWW zusammengesucht und mit in meiner Bildergalerie veröffentlicht.

Video: Ансамбль бального танца «Ритм»:

Bildergalerie:

 

 

2 Kommentare

  • Die Beschreibungen von Pljos und Kostroma sind sehr treffend und einfühlsam. Ich habe ähnliche unvergessliche Eindrücke bei zwei Russland-Reisen gehabt: Wolga-Kreuzfahrt (2015) und Busreise „Moskau – Goldener Ring“(2016). Anschließend habe ich ein Buch über den wundervollen Maler Isaak Lewitan geschrieben. Leider wird ist die Berichterstattung in den deutschen Medien über Russland sehr einseitig. Ich empfehle jedem sich eine eigene unabhängige Meinung zu bilden.

    • Ich danke für diesen lieben Kommentar. Russland (Pskow, Nowgorod Weliki, Sankt Petersburg/Leningrad, Moskau, Wladimir und Susdal) kannte ich aus der Zeit vor 1989, nun wollte ich das Russland der Gegenwart kennenlernen. Mir steht die russische Kultur – trotz Putin – näher als der völlig durchgeknallte Trump und der amerikanische „Way of Life“. Putin ist für mich dagegen wenigstens verstehbar und berechenbar. Wenn wir schon Furchendackel der scheinbar Mächtigeren sein wollen, warum dann nicht der des europäischen, uns kulturell näher stehenden Nachbarn Russland? Mein Neffe hat mir ein ganz wunderbares Buch mit eingestreuten durchnummerierten Wahrheiten von Stephan Orth geschenkt: „Couchsurfing in Russland – Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde“. Zumindest aber wird man beim Lesen dieses Buches zum Fast-Versteher der Seele des russischen Menschen. 😉

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