Unrast

Der Name dieses Weblogs ist der polnischen Autorin Olga Tokarczuk geschuldet.  In ihrem Buch „Unrast“ schreibt sie vom Reisen, oder treffender gesagt: vom Getriebensein des modernen Menschen in der einsamen Masse, den David Riesmann als außengelenkten Menschen charakterisierte. Ihre Menschen fliehen vor der Starrheit einer von außen verordneten Identität, die sie in eine Ordnung zwängt, die sie nicht als ihre ideelle Behausung empfinden, die sie einengt. Es sind Flüchtende, Heimatlose, Suchende auf dem Weg zu sich selbst.

Viele Menschen glauben, dass es im Koordinatensystem der Welt einen Punkt der Vollkommenheit gibt, wo Zeit und Ort im Einklang sind. Vielleicht ist das überhaupt nur der Grund, weshalb sie zu Reisen aufbrechen, sie meinen, so planlos sie auch herumreisen, es erhöhe dennoch die Wahrscheinlichkeit, auf diesen bestimmten Punkt zu stoßen. Zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, die Gelegenheit nutzen, den Augenblick beim Schopf packen zu können – und dann wird das Zahlenschloss geknackt, die Kombination der Gewinnzahlen enthüllt, die Wahrheit offenbart werden. Nur nichts verpassen, auf der Welle des Zufalls, des glücklichen Zusammentreffens, der Schicksalsfügung surfen. Man braucht nichts dazu, es reicht, wenn man bereitsteht, sich in dieser einen Konfiguration von Wort und Zeit anmeldet. Dort kann man die große Liebe treffen, das Glück finden, einen Lottogewinn oder die Enthüllung eines Geheimnisses, mit dem sich alle anderen schon seit Jahren abmühen – oder den Tod. Manchmal hat man morgens früh sogar das Gefühl, dass dieser Augenblick schon ganz nah ist, vielleicht heute schon eintreten wird.
So schrieb die Autorin dieses Buch im Essay  „Die richtige Zeit, der richtige Ort

Die Titelerzählung „Unrast“ erzählt die beklemmende Geschichte einer Frau, die ihrem freud- und sinnlosen Zuhause entflieht und sich dann tagelang ziellos durch Moskau treiben lässt, weg vom unheilbar kranken Sohn und dem ungeliebten Mann. Was sucht sie eigentlich? Sie weiß es nicht, ihre Unzufriedenheit treibt die vom Leben enttäuschte von Episode zu Episode, in denen sie mit anderen ähnlich sinnlosen Schicksalen zusammentrifft. Aus ihrer Lethargie erwacht sie erst,  als sie sich gegen die Misshandlung eines Pferdes auflehnt und verhaftet wird – sie wird von der Miliz nach Hause entlassen. Man darf die Hoffnung hegen, dass sie dann ihr „Zuhause“  finden wird – sicher jedoch ist gar nichts.

Zum Lesen oder Download:

Olga Tokarzcuk: Unrast

 

Wir, die durch Vernunft aufgeklärten, sind uns der Tatsache bewusst geworden, dass unserem Leben kein Wert oder „Sinn“ immanent ist, es sei denn wir selbst geben ihm einen. Die Erkenntnisse aus den Prinzipien der Evolution lehren uns nur eines: „Alles geschieht – das ist die ganze Wahrheit!“ [Robert Musil in „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß”]. Die Quantenmechanik kommt zu einer ähnlichen Schlußfolgerung: Alles was möglich ist geschieht auch – ist wahr!  Doch mit dieser Erkenntnis unseres logischen Verstandes können wir nicht leben, ein solcherart sinnloses Leben schreit nach Selbstmord oder ruft auf zur Revolte [Albert Camus „Der Mensch in der Revolte”], zur Auflehnung gegen die schicksalhafte Ergebenheit in die Logik unseres Verstandes.  Das unabwendbare Bedürfnis nach Gesellung (Affiliation), das sich im Verlauf unserer Evolution herausgebildet hat, weist uns den Weg aus unserem Dilemma und zwingt uns zur Sinnsuche durch das und in dem Leben mit der Gemeinschaft der auf sich selbst zurückgeworfenen, zum Aufrütteln der einsamen Masse aus ihrer Betäubung durch nihilistisch begründeten Hedonismus oder die lieblose Logik des Verstandes.

Aus „Der Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus:

Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort geben. Und wenn es wahr ist, dass – nach NIETZSCHE – ein Philosoph, der ernst genommen werden will, mit gutem Beispiel vorangehen müsse, dann begreift man die Wichtigkeit dieser Antwort, da ihr dann die endgültige Tat folgen muss. Für das Herz sind das unmittelbare Gewissheiten, man muß sie aber gründlich untersuchen, um sie dem Geiste deutlich zu machen.Wenn ich mich frage, weswegen diese Frage dringlicher als irgendeine andere ist, dann antworte ich: der Handlungen wegen, zu denen sie verpflichtet. Ich kenne niemanden, der für den ontologischen Beweis gestorben wäre. GALILEI, der eine schwerwiegende wissenschaftliche Wahrheit besaß, leugnete sie mit der größten Leichhtigkeit ab, als sie sein Leben gefährdete. In gewissem Sinne tat er recht daran. Diese Wahrheit war den Scheiterhaufen nicht wert. Ob die Erde sich um die Sonne dreht oder die Sonne um die Erde – das ist im Grunde gleichgültig. Um es genau zu sagen: das ist eine nichtige Frage. Dagegen sehe ich viele Leute sterben, weil sie das Leben nicht für lebenswert halten. Andere wieder lassen sich paradoxerweise, für die Ideen oder Illusionen umbringen, die ihnen einen Grund zum Leben bedeuten (was man einen Grund zum Leben nennt, das ist gleichzeitig ein ausgezeichneter Grund zum Sterben). Also schließe ich, daß die Frage nach dem Sinn des Lebens die dringlichste aller Fragen ist. Wie sie beantworten?“


 


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