Wer oder was sind eigentlich Yeziden?

Zur Zeit hört man in den Nachrichten des öfteren Berichte über Yeziden, die vor dem Islamischen Staat fliehen, weil sie keine Sunniten (noch überhaupt Moslems) sind. Und alle Menschen in den vom Islamischen Staat eroberten Gebieten, die keine Sunniten werden wollen, werden vom IS getötet oder müssen fliehen. In meinem Beitrag über die Stadt Van erwähne ich die Yeziden als ein kurdisches Volk. Aber an was glauben sie denn, wo man doch in Westeuropa meint, alle Kurden seien Moslems?

Alexander Puschkin hatte darüber am Fuß des Ararat von einem ihrer Anführer (Puschkin nennt sie Jasiden) folgendes erfahren (Die Reise nach Arsrum, Kapitel 3):

In unserem Heer befanden sich auch Völkerschaften aus unseren transkaukasischen Gebieten und Bewohner der Länder, die vor kurzem erobert worden waren. Unter ihnen betrachtete ich mit besonderer Neugierde die Jasiden, die im Orient als Teufelsanbeter gelten. An die dreihundert ihrer Familien wohnen am Fuße des Ararat. Sie haben die Herrschaft des russischen Kaisers anerkannt. Ihr Anführer, ein hochgewachsener, häßlicher Mann in einem roten Mantel und mit einer schwarzen Mütze, machte zuweilen General Rajewski, dem Befehlshaber der gesamten Kavallerie, seine Aufwartung. Ich bemühte mich, von dem Jasiden die Wahrheit über ihr Glaubensbekenntnis zu erfahren. Auf meine Fragen antwortete er, das Gerücht, daß die Jasiden Satan anbeten, sei eine leere Fabel; sie glauben an einen all-einigen Gott, nach ihrem Gesetz gelte es freilich für unschicklich und unedel, den Teufel zu verdammen, weil er jetzt im Unglück ist, mit der Zeit aber vielleicht Vergebung erlangen wird; denn der Barmherzigkeit Allahs dürfen keine Grenzen gezogen werden. Diese Erklärung beruhigte mich. Ich war sehr froh für die Jasiden, daß sie Satan nicht anbeten, und ihre Verirrungen erschienen mir jetzt viel verzeihlicher.

Wer das Buch von James Krüss „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ gelesen hat, konnte dort im Sechzehnten Bogen „Das Ende eines Kronleuchters“ über die Yeziden lesen:

In seinem prachtvollen Hotelzimmer, oder besser: in einer Flucht von drei Zimmern, die man Appartement nennt, war Timm nach all den Aufregungen zum erstenmal allein. Der Baron war zu einer Besprechung fortgefahren und hatte erklärt, daß er Timm wieder abholen werde. Der Junge, der noch immer die karierte Hose und den zu weiten Pullover trug, lag halbaufgerichtet auf einer Chaiselongue. Rücken und Kopf ruhten auf einem Berg gestreiftter Seidenkissen. Die Füße baumelten über den Rand der Liege. Timm starrte auf einen Kronleuchter, der einem Gebilde aus gläsernen Tränen glich. Seit langer Zeit fühlte der Junge sich zum ersten Male wieder beinahe wohl. Es lag nicht an der wunderlichen Verwandlung, die der plötzliche Reichtum gebracht hatte; denn davon hatte Timm noch gar keinen rechten Begriff: Es lag daran, daß er sein Lachen lebendig wußte. Auch war ihm nach all der Verwirrung eines klar: Der Baron war jetzt sein Vormund, und das hieß, er war an Timm gebunden. Auf der Jagd nach seinem Lachen hatte Timm das Wild vor der Nase. Jetzt galt es, die verwundbare Stelle zu finden. (Timm wußte noch nicht, daß man eine schwierige Lage aus der Ferne besser übersieht als aus der Nähe.) Es klopfte, und ohne Timms Aufforderung abzuwarten, trat der Baron ein. „Bleib ruhig liegen“, sagte Lefuet beim Eintritt. Dann knickte der hagere Mann wie ein Taschenmesser ein und fiel auf einen kostbaren Stuhl mit elfenbeinernen Einlegearbeiten. Er schlug die Beine übereinander und sah Timm belustigt an. „Die letzte Wette war ein außerordentlicher Einfall, Timm Thaler! Respekt, mein Junge!“ Timm sah den Baron von unten herauf an und schwieg Lefuet schien auch darüber belustigt zu sein. Er fragte: „Wolltest du diese Wette eigentlich gewinnen oder verlieren? Es würde mich interessieren, das zu erfahren.“ Timm antwortete ausweichend: „Meistens schließt man Wetten ab, um sie zu gewinnen.“ „Dann war es ein exquisiter Einfall!“ rief der Baron. Er sprang wieder auf, kreuzte die Arme über der Brust und begann, in den Räumen auf- und abzuwandern. Timm blieb auf der Chaiselongue liegen und fragte von dort: „Gilt unser Vertrag eigentlich noch? Ich habe ihn doch mit dem ersten Baron Lefuet abgeschlossen und nicht mit dessen angeblichem Zwillingsbruder.“ Lefuet kehrte vom Salon ins Schlafzimmer zurück und sagte im Gehen: „Der Vertrag wurde mit dem Baron L. Lefuet abgeschlossen. Ich heiße Leo Lefuet. Vorher nannte ich mich Louis Lefuet. Beide Male ein L. mein Junge.“ „Wenn es gar keinen Zwillingsbruder gibt“, fragte Timm weiter, „wer wird dann an Ihrer Stelle begraben?“ „Ein armer Hirte ohne Familie, mein junger Freund.“ Lefuet sprach mit genüßlich gespitztem Munde: „Im Hochland von Mesopotamien, unweit des Berges Djabal Sindjar, liegt mein Hauptwohnsitz, ein kleines Schloß; dort trägt man ihn an meiner Statt zu Grabe.“ Der Baron nahm seine Wanderung in die anderen Gemächer wieder auf. Während seine Stimme sich entfernte, hörte Timm ihn sagen: „Mein Schlößchen liegt im Lande der Yeziden. Weißt du, wer die Yeziden sind?“ „Nein“, erwiderte Timm, der sich über die Redseligkeit des Barons wunderte. Die Stimme kam wieder näher. Lefuet sagte: „Yeziden sind Teufelsanbeter. Sie glauben, daß Gott dem Teufel verziehen und ihm die Leitung der Welt übertragen habe. Deshalb beten sie Satan als den Herrn der Welt an.“ Der Baron war wieder ins Schlafzimmer zurückgekehrt. Timm sagte ohne große Anteilnahme: „Aha, so ist das!“ „Aha, so ist das“, äffte der Baron den Jungen sichtlich verärgert nach. Zum erstenmal verlor sein Gesicht den belustigten Zug. „Der Teufel scheint dir gleichgültig zu sein, wie?“ Timm begriff nicht, was den Baron bei diesem Gespräch so erregte. Er fragte in aller Unschuld: „Gibt es den Teufel denn wirklich?“ Lefuet sank wieder in den elfenbeinverzierten Stuhl. Er stöhnte: „Bist du so einfältig, oder tust du nur so? Hast du nie von Menschen gehört, die mit dem Teufel einen Vertrag geschlossen und diesen Pakt mit ihrem Blut unterschrieben haben?“ Bei dem Wort „Vertrag“ horchte Timm auf. Er glaubte, Lefuet wolle jetzt über seinen Vertrag mit ihm reden. Aber der Baron faselte weiter von Teufeln und Dämonen. Er sprach von Belial, dem Herrn der Hölle, von den Dämonen Forcas, Astaroth und Behemoth, von Hexen und Schwarzer Magie und von dem berühmten Zauberer Doktor Faustus, der den Unterteufel Mephistopheles zum Diener hatte. Als er merkte, daß er den Jungen damit gründlich langweilte, erhob er sich und murmelte: „Ich muß deutlicher werden.“ Timm hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt. Seine rechte Hand, die herunterbaumelte, spielte, ohne daß der Junge sich dessen bewußt war, mit einem der seidenen Pantoffeln, die man ihm bereitgestellt hatte. Sein Blick war wieder auf den Kronleuchter gerichtet, in dessen gläsernen Tropfen sich die hagere Figur des Barons vielfach und in seltsamen Verzerrungen spiegelte. Lefuet fragte jetzt geradezu: „Willst du den Spruch lernen, mit dem Doktor Faustus seinen Teufel beschwor?“ „Nein“, sagte Timm, ohne den Kopf zu wenden. Er sah durch die flirrenden Glastropfen des Kronleuchters eine vervielfachte Grimasse des Barons zucken, und dann hörte er wieder dessen Stimme. „Soll ich die Beschwörung wenigstens sprechen?“ fragte Lefuet mit merklich unterdrücktem Ärger. „Meinetwegen, Baron!“ Man hörte Timms Stimme an, daß dies alles ihm gleichgültig war. Immerhin wurde seine Neugierde ein kleines bißchen wach, als er die winzigkleinen Lefuets in den geschliffenen Gläsern ihre spindeldürren Ärmchen beschwörend erheben sah. Lefuet sprach jetzt sehr langsam und mit merkwürdig hohler Stimme die Worte: „Bagabi laca bachabe Lamac cahi achababe Karrelyos Lamac lamec Bachlyas Cabahagy sabalyos…“

 

Da sind freilich Märchen, die James Krüss da über den Glauben der Yeziden verbreitet. Wer wisen will, an was Yeziden glauben, dem kann geholfen werden:


 

zunächst biete ich demjenigen, der schnell, oberflächlich und kurz informiert werden will ein Video an

Die älteste Religion der Kurden: Das Yezidentum


Für den Interessierten zitiere ich eine längere, dafür aber gründlichere Analyse über:

 

Die heiligen Gedichte und die Mythologie der Yeziden

aus

Ilhan Kizilhan:
„Die Yeziden
Eine anthropologische und sozialpsychologische Studie über die kurdische Gemeinschaft“

 

 »Atem bin ich,
Odem des Lebens,
Gott der Geschöpfe, der Himmelsgewölbe.
König des Dunkels,
Herr, der das Licht,
das kreisende Spiel der Kraft
am Anbeginn befahl!
Atem bin ich,
Odem des Lebens,
Gewalt verachtend liebe ich das Recht des freien Willens!«

Yezidisches Gedicht, Autor unbekannt

Die »Qewls« (heiligen Gedichte) der Yeziden sind in ihrem Verständnis Mythen. Das Wort »Mythos« beschreibt unglaubliche, wunderbare Vorstellungen, rational nicht zu erklärende Ereignisse, die keine eindeutig zurückverfolgbare Ursprungsquelle haben, und die – das ist wichtig – in der Alltagssprache erzählt werden. Sie sind damit für jeden Menschen, sprachlich gesehen, verständlich. Das Wort Mythos kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie »Wort des Mundes«, oder »Wort, das gesprochen wird«. Lewis Spense definiert Mythos wie folgt: »… At first, the Greek world ‘mythos’ meant ‘thing spoken’ or uttered by the mouth; that is, it was a speech or tale. By special application, however, it came to mean a tale concerned with the gods and their deeds or adventures. But such stones of ‘the immortals’, were regarded at a later time as fantastic, and much too full of the marvelous and miraculous for modern belief, the term ‘myth’ gradually took on it‘s present popular meaning of a ‘yarn’ invented to deceive the ignorant – something not very unlike the notorious ‘fishing story’ of a hundred comic memories.«[1]
Die »Qewls« der Yeziden sind – wie bereits erwähnt – Mythologien, die mündlich weitergegeben werden. Die Qewals oder Fakire, die diese Gedichte vortragen, erhalten eine spezielle Ausbildung, die jeweils vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Die Gedichte haben eine bestimmte Form und müssen in einem bestimmten Stil vorgetragen werden. Die heiligen Gedichte erzählen über die Schöpfung der Menschheit.[2]
Aus der Sicht der Yeziden handelt es sich bei den Geschichten, die die Erschaffung der Erde, der Menschheit und ihrer Heiligen erzählen, um historisch wahre Begebenheiten. Die heiligen Gedichte bilden die Grundlage der Rituale und Moralvorstellung der Yeziden.[3]
Generell kann gesagt werden, daß Mythos ein Begriff ist, der oft falsch gebraucht wird. Einige Leute benutzen ihn, als bedeute er falsche Geschichtsschreibung, als sei er eine Geschichte über die Vergangenheit, von der man weiß, daß sie falsch ist. Eine andere Deutung besagt: Der Mythos ist Ausdruck religiösen Mysteriums, ein Ausdruck »unsichtbarer Wirklichkeiten in den Begriffen wahrnehmbarer Phänomene.«[4] Diese Definition nähert sich der herrschenden Meinung der Anthropologen, daß Mythen »heilige Erzählungen« seien.
Wenn man diese letzte Definition akzeptiert, so besteht die besondere Eigenart des Mythos nicht darin, daß er falsch ist, sondern darin, daß er für die von göttlicher Wahrheit ist, die glauben, während er für diejenigen ein Märchen ist, die nicht glauben. Jene Unterscheidung, die Geschichte für wahr und Mythos für falsch erklärt, ist aber völlig willkürlich. Fast jede menschliche Gesellschaft besitzt eine Sammlung von Überlieferungen, die sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. Diese Überlieferungen beginnen so wie die Bibel beginnt: mit einer Schöpfungsgeschichte.
Diese muß notwendigerweise in jedem Sinne des Wortes »mythisch« sein. Aber den Schöpfungsgeschichten folgen die Legenden über die Taten von geschichtlichen Gestalten (z.B. König David, Salomon oder bei den Yeziden Sheikh Adi), die zumindest einen »historischen Kern« enthalten können, und diese wiederum führen zu Berichten und Ereignissen, die jeder als »historische Tatsachen« akzeptiert, weil sie in einer anderen unabhängigen Quelle ebenfalls belegt sind.
Lévi-Strauss hat sich dem Streit um das Verhältnis von Mythos und Geschichte entzogen, indem er sich vorwiegend mit Gesellschaften »ohne Geschichte« beschäftigte, also mit Völkern wie den australischen Ureinwohnern und Indianerstämmen Brasiliens, die sich ihre eigene Gesellschaft als unveränderlich und die Gegenwart als geradlinige Fortsetzung der Vergangenheit vorstellen. So wie Lévi-Strauss ihn gebraucht, hat der Begriff Mythos keinen Ort in der chronologischen Zeit, aber bestimmte Eigenschaften, die er mit Träumen und Märchen teilt. Insbesondere verschwindet weitgehend die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur, welche die Erfahrung des Menschen normalerweise prägt. In den Mythen von Lévi-Strauss verkehren die Menschen mit Tieren und verbinden sich mit ihnen als Ehegatten, leben im Meer und im Himmel und vollbringen Wundertaten mit Selbstverständlichkeit. Lévi-Strauss fragt letzten Endes nach dem »unbewußten Charakter kollektiver Phänomene«.[5]
Mythos ist für Lévi-Strauss aber nicht nur Märchen, sondern er enthält auch eine Nachricht. Es ist zwar nicht ganz klar, wer die Nachricht sendet, aber die Empfänger sind klar. Den Novizen der Gesellschaft, welche die Mythen zum erstenmal hören, werden die Mythen durch die Träger der Tradition übermittelt. Lévi-Strauss vertritt die Auffassung, daß der Mythos ein kulturelles Phänomen ist, welches auch auf der sprachlich-kommunikativen Ebene zu analysieren ist.[6] Die Mythen eines Volkes können sich von Gebiet zu Gebiet unterscheiden, wenn man sie aber vergleicht, kann man eine Ähnlichkeit auf der semantischen Ebene erkennen. Insbesondere wird durch eine Reihe von Beispielen von indianischen Erzählungen aus Brasilien gezeigt, wie wichtig die Sprache ist. Bei der Analyse von vielen verschiedenen Versionen von Mythen wurde ein übereinstimmender Zusammenhang zwischen den Begriffen Leben und Tod, Landwirtschaft und Jagd, Frieden und Krieg gefunden.
Lévi-Strauss glaubt, mit seiner struktuellen Methode die Möglichkeit zu eröffnen, die gemeinsamen Muster menschlichen Geistes, die sich eine Gruppe teilt, zu analysieren. Für Lévi-Strauss repräsentiert der Mythos einen Weg, die Regeln, die Gewohnheiten und die Logik einer sozialen Gesellschaft darzustellen.
Der berühmte französische Soziologie, Emile Durkheim, bringt in seiner Arbeit »Die elementare Form des religiösen Lebens« zum Ausdruck, wie wichtig die Mythologien für die Funktion des sozialen Lebens sind. Für Durkheim sind Mythen ein Teil des religiösen Systems. Sie bringen die Rituale und die sie begleitenden Handlungen zum Sprechen. Nach Durkheim haben sie eine soziale, gesellschaftliche Funktion, die Solidarität ausdrückt. Weiterhin geht Durkheim davon aus, daß Mythen die Grundlage für Philosophie und Wissenschaft bilden, insofern sie grundlegende Glaubensgrundsätze der Gesellschaft festschreiben und das Individuum und seine Stellung innerhalb seiner Welt bestimmen: »But the mythology of a group is the system of beliefs common to this group. The traditions whose memory it perpetuates express the way in which society represents man and the world; it is a moral system and a cosmology as well as history.«[7]
Malinowski beschreibt in seinem Werk »Myth in Primitive Psychology« den wichtigen Einfluß der Mythen auf die Moral und das soziale Verhalten des Individuums. Er geht davon aus, daß die mündlichen Erzählungen für die Menschen eine grundsätzliche Orientierung liefern, wie sie sich verhallen sollen.
Andere Kulturen, wie die Trobiand-Kultur verfügen ebenfalls über mündliche religiöse Erzählungen. Malinowski erwähnt in seinem Buch ein Beispiel: eine Erzählung, die von der Südinsel Vakutu stammt und erzählt, wie die schwarze Magie entstanden sein soll. »… They tell how a malicious being of human shape, but not of human nature went into a piece of bamboo somewhere on the northern shore of Mormanby Island. The piece of bamboo drifted forthwards until it was washed ashore near the promontory of Yayvau of Vakuta. A man from a neighboring village of Kinadaglia heard a voice in the bamboo and when he opened it, the demon came out and taught him corcery. This according to the informants in the south is the real starting point of black magic.«[8] Diese Geschichte ist zu einer Mythologie geworden, die die Leute heute noch glauben und weitererzählen.
Franz Boas aber distanziert sich von der funktionalen Schule Malinowski. Boas sieht die Mythen als eine Reflexion des Stammeslebens, das in den Erzählungen wiedergegeben wird.[9] Boas benutzt die Mythologie, um die Geschichte und das kulturelle Verhalten von Stämmen zu bestimmen. Allerdings leugnet Boas nicht die psychologische Funktion der Mythen, die auf die Wünsche und Träume der Menschen eingehen: »Wenn wir einen Wunsch haben, der sich nicht erfüllen läßt, so lassen wir unsere Vorstellungskraft diesen Wunsch erfüllen. (…); das wunderschöne Element kann zum Ausdruck gebracht werden.«[10]
In einer Reihe von Beispielen aus der Mythologie der nordamerikanischen Indianer zeigt Boas, daß sich die Stämme ihrer Vorstellungskraft bedienten, die zwar nicht realistisch ist, aber zeigt wie wunderbar und fähig das Gedächtnis des Menschen ist, um aus der Realität auszubrechen. Diese Mythologien schaffen eine historische Gemeinsamkeit und Grundlage, die für eine zukünftige gemeinsame Entwicklung der Gesellschaft wichtig ist.

Mythologie und Theologie der Yeziden

Neben den mündlichen Überlieferungen wollen wir in unserer Studie auch die beiden heiligen Bücher, das »Kitab al-Djilwa«, »das Buch der Offenbarung« und das »Mashafa Resh«, »das schwarze Buch« betrachten. Diese beiden Bücher waren bis um die Jahrhundertwende nur aus – teilweise arabischen – Abschriften bekannt, die von Parry und Joseph übersetzt und herausgegeben wurden.[11] Später soll es dann Pater Anastase Marie durch Vermittlung eines abtrünnigen Yeziden gelungen sein, eine Kopie der Bücher anzufertigen. Nach Anastase Marie sollen die Originalmanuskripte in einer Form von arabisch-persischem Alphabet aufgebaut sein. Interessanterweise sind diese Geheimschriften aber nur in kurdischer Sprache gehalten, und zwar in einem Dialekt, der dem Mukri-Kurdischen am nächsten steht, und der mit dem heute von Yeziden gesprochenen Kurmanci-Dialekt nicht übereinstimmt. Es ist sowieso nicht ganz sicher, ob es sich bei den beiden Büchern um wirkliche Originale oder nicht vielmehr um Fälschungen handelt. Es ist auch denkbar, daß man versucht hat, die Bücher zu verfälschen, in der Absicht, die Religion der Yeziden der islamischen anzugleichen. Ob es sich um einen indirekten und subtilen Versuch der langsamen Assimilierung der Yeziden gehandelt hat, muß im Augenblick noch unbeantwortet bleiben. Jedenfalls ist wenigstens mehr oder weniger sicher, daß die Geheimschrift, wie sich aus bestimmten Verschreibungen deutlich ergibt, eine Transkription aus einer in arabisch-persischen Buchstaben geschriebenen Vorlage darstellt[12]. Wenn man die Yeziden fragt, so sind die Bücher sehr alt. In einem Interview 1993 in Lalish in Südkurdistan (Nordirak) behauptete Bave Cavush, daß die wahren Bücher der Yeziden viel alter als die Bibel und der Koran seien. Andere wiederum gehen davon aus, daß das Buch der Offenbarung um die Mitte des 12. Jahrhunderts »Sheikh Fahradin, the secretary of Sheikh Adi«, von Sheikh Adi diktiert worden ist[13]. Das Buch soll, nach Bittner, von Hasan al Basri erst im Jahre 1342/43 geschrieben worden sein; während Parry davon ausgeht, daß das Buch im 10. Jahrhundert geschrieben worden ist. Eins ist aber klar, daß die Yeziden viel mehr Bücher gehabt haben, als die beiden oben genannten[14]. Diese Bücher sind bei den verschiedenen Angriffen auf die Yeziden durch Moslems vernichtet worden.
Kluckholn und Geertz wiederum betonen die symbolische Funktion der Mythen. Diese helfen ihrer Auffassung nach den Menschen bei der Anpassung an ihre jeweilige Umwelt. Nach der Theorie von Geertz haben die Menschen schon immer versucht, die Mythen mit anderen signifikanten System-Symbolen wie Sprache, Kunst und Ritual zu verbinden, um eine bessere Orientierung, Kommunikation und Selbstkontrolle zu erlangen. Alle diese symbolischen Systeme erfüllen für die Menschen die Aufgabe, sich in der sich verändernden Umwelt zu orientieren und zurechtzufinden. Sie helfen dabei, die Welt besser zu verstehen und zu deuten. Kluckholn vertritt ähnlich wie Malinowski die Idee, daß Mythen eine wichtige soziale Bedeutung haben: »Wo Menschen von einer physischen Umwelt bedroht werden, wo Kleingruppen geographisch isoliert sind, gibt es »emotionale Unsicherheit«, Spannung innerhalb der Familie und interpersonelle Probleme. Bei diesen und anderen Umweltproblem können die Mythen in der sozialen Umwelt eine adaptive Rolle in der Gesellschaft spielen.«[15]
In nahezu allen Studien kommt den Mythen eine wichtige sozio-kulturelle Funktion in der Gesellschaft zu, und es ist daher nicht unbegründet, wenn sich Psychologie und Soziologie damit beschäftigen.
Die heiligen Gedichte der Yeziden, die verschiedene Mythen erzählen, sind auch deshalb besonders wichtig für die Yeziden, weil sie sich bisher niemals in einem Staat oder einer Region sicher fühlen konnten. Die Mythen stellten für die Yeziden in dieser unsicheren, immer bedrohten Situation einen wichtigen sozialen Faktor dar, der einen großen Anteil daran hatte, daß sie heute noch als eine soziale Gemeinschaft existieren. Die mythischen Geschichten bildeten die Basis, die die Yeziden vereinte und als Gruppe Zusammenhalten ließ.

Die Schöpfungstheorien der Yeziden

Zunächst möchte ich eine Version der Schöpfungsgeschichte wiedergeben, die in einer deutschen Übersetzung von dem Orientalisten Maximilian Bittner 1913 veröffentlicht wurde. Später werden wir auf die andere Version und ihren inhaltlichen Gehalt eingehen:
Zuerst erschuf Gott aus seinem geliebten Schoße eine weiße Perle, und er erschuf einen Vogel, dem er den Namen Anfar beilegte, und die eine Perle legte er hin auf dessen Rücken, und er saß vierzigtausend Jahre auf ihr.

  • Der erste Tag, an welchem er erschuf, war der Sonntag; einen Engel erschuf er, dem er den Namen Azrail beilegte, nämlich den, welcher der Engel Pfau ist, welcher der Große ihrer aller ist.
  • Am Montag erschuf er den Engel Dardail, welcher der Sheikh Hasan ist.
  • Am Dienstag erschuf er den Engel Israfail, welcher der Sheikh Shems ist.
  • Am Mittwoch erschuf er den Engel Mikail, welcher der Sheikh Abubekir ist.
  • Am Donnerstag erschuf er den Engel Jebrail, welcher Sijadin ist.
  • Am Freitag erschuf er den Engel Shamnail, welcher Nasiradin ist.
  • Am Samstag erschuf er den Engel Turail, welcher Fahradin ist.
  • Den Engel Pfau, den machte er zu ihrem Großen.
  • Hiernach erschuf er das Bild der sieben Himmel und die Erde und die Sonne und den Mond.

Fahradin erschuf den Menschen und das beseelte Getier und das Geflügel und die Bestien und legte sie in die Tasche der Kutte, und mit den Engeln kam er aus der Perle heraus. Ein gewaltiges Gebrüll stieß er aus über die eine Perle, sie ging auseinander (zerplatzte), ward zu vier Fetzen und Wasser kam aus ihrem Inneren heraus, es ward zum Meere. Das Diesseits war rund und ohne Loch.
Den Jebrail erschuf er in der Gestalt eines Vogels und er sandte ihn hin und gab die vier Ecken in seine Hand. Hiernach erschuf er ein Schiff und setzte sich hin auf dem Wasser 30.000 Jahre. Darauf kam er und siedelte sich in Lalish an. Er brüllte, er festigte im Diesseits die Steine, das Diesseits ward zur Erde und begann zu zittern. Er befahl dem Jebrail, es ward Ruhe; zwei Stücke von jener Perle brachte er, und das eine legte er unter die Erde und das eine in das Tor des Himmels. Darauf (hängte er) an sie den Mond und die Sonne; und die Sterne, die er aus den Splittern der weißen Perle zurechtgemacht hatte, hängte er zum Schmucke am Himmel auf.
Fruchttragende Bäume und Kräuter und Bergspitzen zum Schmucke der Erde erschuf er, den Himmelsthron auf dem Erdenteppich erschuf er.
Der große Gott sagte zu den Engeln: »Ich werde Adam und Eva erschaffen und sie machen zu Menschen; aus dem Schoße Adams wird Schar Ibn Safar sein, von dem nämlich seine Religionsgemeinde auf der Erde zum Vorschein kommen wird, hernach wird die Religionsgemeinde Azrail, die des Engel Pfau, welche die Yezidis sind, zum Vorschein kommen.«
Hernach entsandte er den Sheikh Adi aus dem Lande Syrien nach Lalish.
Darauf kam Gott herunter auf den Schwarzen Berg und schrie: er erschuf 30.000 Engel und machte sie zu Scharen, 40 Jahre beteten sie ihn an, hernach gab er sie hin in die Hand des Engels Pfau, und der ging mit ihnen hin in den Himmel.
Hernach kam Gott herunter auf das Heilige Land, er befahl dem Jebrail: der brachte Erde von allen vier Ecken des Diesseits. Erde, Luft, Feuer und Wasser erschuf er, und durch seine Macht machte er sie beseelt. Und er befahl dem Jebrail, er solle ihn führen hin ins Paradies und von der Frucht aller Bäume esse er (immer wieder), nur Weizen esse er nicht.
Nach 100 Jahren sagte der Engel Pfau zu Gott: »Wie wird Adam und seine Nachkommenschaft sich vermehren ?« Gott sagte: »Befehl und Anordnung sind dies: Ihn habe ich gegeben hin in deine Hand.« Er kam, sagte zu Adam: »Hast du Weizen gegessen?« Dieser sagte: »Nein, weil Gott es nicht zugelassen hat.« Der Engel Pfau sagte: »Iß, für dich ist es besser.« Nach dem Essen wurde sein Bauch aufgebläht, der Engel Pfau warf ihn aus dem Garten hinaus, ließ ihn an der Stelle und stieg auf zum Himmel.
Wegen des Bauches bekam er eine Beengung, weil er keine Öffnung hatte. Gott sandte ihm einen Vogel, und mit dem Schnabel machte der ihm eine Öffnung, er beruhigte sich.
Jebrail war 100 Jahre von ihm fort, 100 Jahre war er bekümmert.
Gott befahl Jebrail, der kam und erschuf Eva aus dem unteren Teile der linken Achselhöhle Adams.
Hernach kam der Engel Pfau hin auf die Erde wegen unseres erschaffenen Volksstammes. Außer den assyrischen Königen hatten wir einige andere Könige: Nashruh, welcher Nasiradin ist, Gambusch, welcher Fahradin ist und Artemusch, welcher Shemsadin ist, und nach ihm hatten wir zwei Könige, Schabur den ersten und den zweiten, ihre Herrschaft dauerte 150 Jahre, aus ihrer Nachkommenschaft entstanden unsere Großen bis jetzt.
In der wohl bekanntesten Version des Schöpfungsberichtes heißt es zusammenfassend, daß Gott am Urbeginn »aus seinem geliebten Schoße« eine weiße Perle entstehen ließ, er schuf aber dazu einen Vogel namens Anghar oder Anfar, auf dessen Rücken er die Perle legte, um sich dann selbst auf dieser für 40.000 Jahre niederzulassen. Hiernach soll – mündlichen Berichten zufolge – die Perle zersprungen sein und aus ihren Splittern Erde, Luft, Wasser, Feuer und Himmel entstanden sein.
Im Schwarzen Buch wird nicht erwähnt, was danach passierte. Es wird vielmehr berichtet, daß Gott sodann die Engel erschuf. Wie in der oben bereits erwähnten Version ließ Gott am Sonntag den Engel Azrail entstehen, der auch als Tausî Melek bekannt ist. Engel Pfau oder Tausî Melek ist hiernach der oberste Engel der noch zu erschaffenden fünf Engel. Am Montag schuf Gott Dardail bzw. Hasan Basri; am Dienstag den Israfil, bzw. Sheikh Schems; am Mittwoch den Mikail, bzw. Abubekir; am Donnerstag Jebrail, am Freitag den Shamnail, bzw. Nasiradin und am Samstag schuf er Nurail oder Turail, das ist nicht ganz klar, beide sind aber mit Fahradin gleichgesetzt.
Dieser Version zufolge erschuf Fahradin (auch bekannt als Nurail oder Turail) die Menschen und Tiere, die Vögel und die Ungeheuer. Weiter heißt es: »He put them all in pockets of cloth, and came out of the Pearl accompanied by the angels. Then he shouted at the Pearl with a loud voice. Thereupon the White Pearl broke up into four pieces, and from its mids came into the water which became the ocean. The world was round and was not divided«. In dem Text von Bittner heißt es: »Das Diesseits war rund und ohne Loch«, – »Then he (Gott) created Gabriel (Jebrail) and the image of the bird«. Bei Bittner heißt es ebenfalls, daß er den Engel Gabriel in Form eines Vogel schuf. Dann schickt Gott den Engel Gabriel in alle vier Ecken der Welt. Weiter heißt es: »He also made a vessel and descended in it for thirty thousand years. After this he came and dwelt in Mount Lalish[16] (das heute Heiligtum der Yeziden im Nordirak). Then he cried out at the world, and the sea became solidified and the land appeared, but it began to shake. At this time he commanded Gabriel to bring two pieces of the White Pearl.« Hierzu schreibt Bittner, daß »das Diesseits ward zur Erde und begann zu zittern. Er befahl dem Jibrail, es ward Ruhe; zwei Stücke von jener Perle brachte er …«. Das eine Stück benutzte er als Erde (Boden) und das andere als Himmel. Dann plazierte er die Sonne und den Mond, und von anderen Teilen der Perle erschuf er die Sterne, die er am Himmel aufhing. Zum Schluß erschuf Gott Früchte, Pflanzen und Berge[17].
Einer anderen Version des Schöpfungsberichtes zufolge existierte vor der Erschaffung von Himmel und Erde nur ein gewaltiges Urmeer, auf dem Ezdai (Gott) in einem Schiff einherfuhr. Da ihm das auf die Dauer zu langweilig wurde, schuf er aus sich selbst heraus eine weiße Perle und »herrschte 40 Jahre über sie«. Als er die Perle dann auseinandersprengte, kamen aus dem Getöse ihrer Zerstörung Berge hervor, aus ihrem Staube bildeten sich die Hügel und aus ihrem Rauche formte sich der Himmel, den der Schöpfer alsbald ohne Zuhilfenahme von Säulen und Stützen festigte. Am Ende ließ er aus seinem Lichte sukzessive sechs Engelwesen emanieren, »and their creation was one lights a light from another light«. Gott forderte von dem ersten Engel, Tausî Melek, sich an der Schöpfung zu beteiligen, worauf dieser die Sonne erschuf und seinerseits die Aufforderung an den zweiten Engel weiterleitete. Der zweite Engel bildete den Mond und gab den Auftrag wieder an den dritten weiter, der – nach Bittner – den Horizont, und -nach Giamil – die Luft erschuf. Der vierte Engel erschuf den Morgenstern und der fünfte Engel erschuf, nach Giamil, die Planeten und Sterne. Im Gegensatz zu Giamil geht Bittner davon aus, daß der fünfte Engel die Atmosphäre erschuf. Wiederum geht Joseph davon aus, daß der fünfte Engel das Paradies erschuf. Der sechste Engel endlich erschuf laut Joseph die Hölle, während Giamil und Bittner von seinem Schöpfungsbeitrag nichts wissen[18].
Muawi ben Ismail al-Yazidi beschreibt die Schöpfungsgeschichte wie folgt und geht im besonderen auf die Rolle des Tausî Melek ein: »Aus seiner eigenen Substanz – seinem eigenen Feuer und Licht – schuf Azda (Gott) ein anderes ewiges Wesen, Tausî Melek, den Engel Pfau. Tausî Melek erhielt von Azda die Aufgabe zugewiesen, das Universum zu formen und den Menschen zu erschaffen. Um Tausî Melek bei seiner Aufgabe zu unterstützen, schuf Azda sechs weitere Engel, die Tausî Melek untergeordnet dienen sollten. Jeder dieser Engel symbolisierte einen Aspekt des Seins. Azda befahl Tausî Melek, das Universum zu formen und den Menschen zu schaffen, auf daß der Mensch sich ans Werk begebe, die Welt grün und blühend zu machen«, heißt es in einer unserer ältesten Versionen der Schöpfungsgeschichte, der Genesis.
Azda gab Tausî Melek eine Handvoll Staub, damit dieser die Aufgabe durchführte, die er ihm gestellt hatte. Tausî Melek formte aus dem erhaltenen Staub zuerst Mann und Frau; aus dem Rest schuf er die Welt.
Für die einfacheren Hilfsarbeiten brachte Tausî Melek vier Dschinne, Geisteswesen, hervor. Wie sich mit der Zeit erwies, verkörperten sie Aspekte des Bösen. Tausî Melek stellte Azda seine Menschen vor. Das Oberste Wesen unterzog Tausî Melek einer Probe: »Du sollst von jetzt an dem Menschen gehorchen!«, befahl Azda dem Tausî Melek. Tausî Melek weigerte sich. »Er ist meine Kreatur und ich werde ihm nicht gehorchen«, sagte er. »Ich werde nur Dir gehorchen, der Du mein Schöpfer bist.« Das war wirklich eine ungewöhnliche Rebellion. Tausî Melek gehorchte nicht, weil er nur Gott gehorchen wollte. In dieser seltsamen Mischung von Ergebenheit und Widerstand symbolisierte er die Vielfältigkeit des Glaubens. Hatte Azda die Treue des Tausî Melek prüfen wollen? Hatte er sehen wollen, ob Tausî Melek sofort zustimmen würde, sein Treueverhältnis zu wechseln? Aber dies sind Fragen in der Art der irdischen Wesen. Was auf der höchsten Ebene der Schöpfung vor sich ging, muß zwangsläufig ein Mysterium, ein Geheimnis für uns bleiben …
Ur-Mann und Ur-Frau, Adam und Hawa (Eva), wie wir sie nennen, zeugten zusammen 80 Kinder. Bald begannen sie sich über den besten Weg in der Erziehung ihrer Nachkommen zu streiten, weil sie unterschiedliche Vorstellungen über das ideale menschliche Wesen hatten. Jeder von beiden wollte allein in der Welt bestimmen. Sie sahen nicht ein, daß sie beide vonnöten waren – für den Fortbestand ihrer Art, und um die von Azda gewünschte Aufgabe zu erfüllen: die Welt grün und blühend zu machen. In ihrem irdischen Eifer und ihrer Ignoranz beschlossen sie, ihre sich widersprechenden Forderungen einer Probe zu unterziehen. Jeder füllte seinen Krug mit »dem Schweiß der Stirn«. Hierbei ist nicht der Schweiß gemeint, der einem beim Arbeiten in die Augen rinnt. Heute würde man sagen: jeder füllte seinen Krug mit der Aura seines Geistes, mit dem Hauch seiner Gedanken und seiner Vorstellungskraft. 40 Tage vergingen. Aus dem Krug Adams stieg ein hübscher Jüngling hervor, genannt »Shahid ben Dshar«. Er verkörperte das Vorbild, dem der Mensch nacheifern muß. Aus dem Krug der Hawa (Eva) ergossen sich Reptilien, gefährliche Kriechtiere und Insekten. Adam war vom ersten Augenblick an so angetan von dem Wesen des Shahid, daß er seinen übrigen Kindern – 40 Söhnen und 40 Töchtern – keine Beachtung mehr schenkte. Deshalb versammelten sich alle um die Mutter und machten ihrem Groll Luft. Hawa (Eva) eröffnete ihnen, daß es keinen anderen Ausweg gäbe, als Shahid zu töten. »Solange er da ist«, erklärte Hawa (Eva) ihrer versammelten Nachkommenschaft, »werdet ihr mit ihm verglichen werden und bei jedem Vergleich den Kürzeren ziehen«.
Insgeheim wurde der Plan geschmiedet, Shahid zu töten, und es wurde ein Tag für diese schändliche Tat festgesetzt. Für den verabredeten Tag vereinbarten sie eine Losung, ein Geheimwort. Hawa (Eva) sollte die Losung kurz vor der Tat ausgeben. Adam, bezaubert von Shahid, nahm die Verschwörung um ihn herum nicht wahr. Aber Tausî Melek wußte um sie, wie er alles weiß; selbst das, was in den unergründlichen Tiefen unserer Gedanken vor sich geht. Am Morgen des verhängnisvollen Tages befahl deshalb Tausî Melek den vier Dschinnen, in die Münder der 80 Kinder zu speien, solange diese noch schliefen. Als die Verschwörer aufwachten, stellten sie fest, daß jeder von ihnen eine andere Sprache sprach und keiner den anderen verstehen konnte. Als nun Hawa (Eva) kam und das Losungswort sprach, daß sie losschicken sollte, ihren Halbbruder zu töten, konnten sie ihre eigene Mutter nicht verstehen.[19]
Es gibt eine Reihe anderer Versionen, was die Schöpfung betrifft, die jedoch alle gemeinsam von der Weltei-Konzeption – allerdings mit verschiedenen Ausgangstheorien – handeln. Allen ist gemeinsam, daß Gott eine Perle erschaffen hat oder sogar selbst aus der Perle entstanden ist, und daß ein Vogel mit der Perle 40.000 Jahre lang wandert, bis dann die Engel entstehen und anschließend die Erde erschaffen wird. Hiernach werden ebenfalls die Menschen erschaffen.
Neben Gott spielt der vogelgestaltige Engel Azrail eine bedeutsame Rolle, der wohl mit dem Vogel Anfar oder Anghar identisch sein dürfte. Auf die anderen Engel wird nicht im besonderen eingegangen. Interessant ist aber, daß die Yeziden in der mündlichen Überlieferung von einem Streit zwischen Gott und Tausî Melek erzählen. Hiernach akzeptiert Tausî Melek Gott nicht als Schöpfer und setzt sich ihm gleich. Deshalb verbannt Gott Tausî Melek für 40.000 Jahre. Dieser wandert ruhelos umher, bis er seine Handlung bereut und Gott um Vergebung bittet, der ihm verzeiht und wieder als obersten Engel einsetzt.
Andere Versionen, die aus der mündlichen Überlieferung übernommen sind und nicht immer mit dem Schwarzen Buch übereinstimmen, geben vielleicht die eigentliche Volksanschauung wieder. Danach bestand die Welt am Urbeginn aus einem grenzenlosen Ozean, aus dem sich ein Baum erhob, auf dem Gott (Ezdai) in Gestalt eines Vogels saß. Da er es bald müde wurde, immer allein zu sein, erschuf er aus sich selbst heraus den Sheikh Sin (Sheikh Mond oder besser Engel des Mondes) und ließ ihn auf einem Rosenstock Platz nehmen, der weitab von Gottes Baum aus den Wassern emporgesprosst war. Danach erschuf Gott den Jebrail, dem er großmütig gestattete, sich zu ihm auf den göttlichen Baum zu setzen. Dieses Privileg wurde jedoch von Jebarail (oder Tausî Melek) falsch verstanden, und er setzte sich mit Gott gleich. Darüber entstand ein Streit, und Gott verbannte den Engel Jebrail. Dieser flog ruhelos über die Wasserwüste und suchte nach einem Ruheplatz. Eines Tages kam er wieder an dem Baum Gottes vorbei und erkannte dessen Herrschaft an, und Gott vergab ihm.[20] Diese Erzählung wird mit einigen Abweichungen von den Yeziden in Südkurdistan (Lalish und Shengal, Hakkari-Gebirge) und Nordkurdistan (Türkei) erzählt. Hinzugefügt werden sollte, daß die Erde durch einen Stier und einen Fisch davor bewahrt wird, zu sehr zu schwanken. Mündliche Überlieferungen und einige heutige Yeziden erzählen, daß ein Erdbeben sich dann ereignet, wenn der Stier die Erde von einem Horn auf das andere Horn legt. Andere Erzählungen benutzen den Begriff »Gamasi«, was wortwörtlich Stier und Fisch in einem bedeutet. Dieser Begriff wird heute auch für den Wall benutzt. Es ist also gut möglich, daß sie den Wall meinen, der dafür sorgt, daß die Erde nicht zu sehr schwankt.
Auch über die Erschaffung des Menschen und seine weitere Geschichte sind verschiedene Fassungen im Umlauf. Nach dem von Joseph benutzten Text des Schwarzen Buches ließ Gott von Jebrail nach der Erschaffung der Welt aus den vier Himmelsrichtungen die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft bringen, aus denen er dann den ersten Menschen bildete, ihm von seinem Geiste eingab und ihn Adam nannte. Nach Anastase Marie und Bittner holte Jebrail zunächst nur reine Erde, aus der Gott dann erst die vier Elemente machte, die er zur Erschaffung des Menschen benutzte. Darauf befahl Gott dem Jebrail, Adam ins Paradies zu führen und ihn zu belehren, daß er von allen Früchten außer vom Weizen essen dürfe. Nachdem Adam so über 100 Jahre in dem Garten zugebracht hatte, wandte sich Tausî Melek mit der Frage an Gott, wie sich der erste Mensch denn fortpflanzen solle, worauf ihm der Schöpfer entgegnete: »Ich habe die ganze Angelegenheiten in deine Hand gelegt.« Mit solchen Privilegien ausgestattet, begab sich der höchste Engel unverzüglich ins Paradies und wies den nichts ahnenden Vater der Menschheit an, er solle nun auch von dem verbotenen Weizen essen und alles werde gut sein. Adam aß auch vom Weizen und spürte bald, daß sich sein Bauch schmerzhaft aufblähte, weil er damals noch keinerlei Leibesöffnung besaß, die verdauten Speisen abzuführen. Der Tausî Melek aber hatte erreicht, was er wollte. Da Adam nun eine Leibesöffnung hatte, wurde er aus dem Paradies geschickt. Adam aber war nun über 100 Jahre allein und traurig. Deshalb ließ Gott den Engel Jebrail aus Adams linker Achselhöhle heraus eine Gefährtin erschaffen.
Einer anderen Version zufolge, die bei den Yeziden in Nordwest Kurdistan und in den transkaukasischen Ländern erzählt wird, war es nicht Jibrail, sondern Tausî Melek, der Eva aus einer Rippe erschuf, die er Adam unter dem linken Arm hervorzog.
Schließlich wird noch überliefert, daß Gott aus den vier Elementen einen Teig formte, aus dem er sodann eine menschliche Figur knetete. In diese Figur setzte er den Sheikh Sin, belebte sie so und machte sie zum ersten Menschen. Dieser erste Mensch erhielt den Namen Adam und zu seinem Schutze einen Engel beigestellt, der mit ihm zusammen im Paradies lebte. Eines Tages sah Adam den Weizen und wollte ihn kosten. Doch der Engel riet ihm ab, da es Unglück bringe. Der Urvater machte sich jedoch nichts aus dem guten Rat, nahm eine Ähre, zerrieb sie in seiner Hand und aß die Körner. Da er aber keine Leibesöffnungen besaß und durch Schweiß ausschied, blähte sich bald sein Leib auf. Darüber wurde Gott sehr zornig und nahm ihm seine Kleider ab. Adam wurde aus dem Paradies gejagt. Draußen bemerkte Adam mit Erleichterung, wie sich die fehlenden Öffnungen bildeten, entleerte sich und fühlte sich wohler. Entgegen den übrigen Varianten bildet Gott aus dem Rest des Teiges, den er bereits zur Erschaffung Adams verwandt hatte, Eva.
Besonders die Frage, von wem das Menschengeschlecht abstamme, wird bei den Yeziden noch heute sehr rege diskutiert. Nach den mündlichen Überlieferungen begannen sich Adam und Eva darüber zu streiten, wer denn nun für die weitere Schaffung des Menschengeschlechts verantwortlich sei. So gab es einen Streit, wer den reineren Samen habe. Beide kamen überein, ihren Samen in einen Topf zu geben und diesen zu versiegeln. Als sie die Gefäße nach neun Monaten wieder öffneten, fanden sie in Adams Topf ein Mädchen und einen Knaben, während aus Evas Samen nichts als Würmer herauskamen. Gott schenkte Adam nun die Brustwarzen, damit er seine Kinder ernähren konnte, die dann die Ureltern der Yeziden wurden. Nach dieser Erzählung sollen die Juden, Christen, Muslime usw. von einem Geschwisterpaar abstammen, das gezeugt wurde, nachdem Adam und Eva sich einigten und Eva auf natürliche Weise die Kinder gebar. Nach einer anderen Überlieferung entstanden auf diese Weise im ganzen 72 verschiedengeschlechtliche Zwillinge – einige gehen von 144 aus – die sich dann miteinander verheirateten und so die Vorfahren aller nichtyezidischen Völker wurden. Hier wird Adam als der eigentliche Urahn der Yeziden angesehen. Es gibt aber auch andere mündliche Überlieferungen, die eine Abstammung der Yeziden von Adam ablehnen und davon ausgehen, daß sie direkt von der Dirr (dem Kugelei) abstammen. Wir möchten hier nicht vertiefend auf weitere mündliche Überlieferungen eingehen. Uns geht es hier vielmehr darum, einen Überblick über die Mythologie der Yeziden zu geben, damit man ihre Lebensweise und Denkstruktur besser versteht.
Wenn man sich die Schöpfungsgeschichte der Yeziden anschaut, dann sieht man, daß Gott nur zu Beginn der Schöpfung der Welt aktiv auftritt und sich dann zurückzieht. Dagegen spielt Tausî Melek, der für Gott die Erde verwaltet, eine aktive Rolle. Daher wird Gott bei den Yeziden nicht in kultischen Handlungen verehrt und erhält auch keine Opfer. Neben »Allah« und »Khuda (Xwede)« – das bedeutet auf kurdisch oder persisch Gott -wird er auch »Cahr« (»das Gute«) genannt oder von den Yeziden »Yezda«, »Ezda« oder »Ezdai«, ein Begriff, der sich aus dem altpersischen »Yazdan« ableiten läßt. Es bedeutet so viel wie guter Geist, Herr des Himmels. Viele Yeziden vertreten die Ansicht Sheikh Nasirs: »We are Yezeedes«, sagte er einmal zu Badger, »that is, we are worshippers of God«[21].
Man kann also die Yeziden nicht als Anbeter des Bösen abstempeln. Der Kampf oder Streit zwischen Gott und Tausî Melek läßt sich mit Hilfe der Theorie des Dualismus interpretieren. In der Mythologie der Yeziden wird Tausî Melek verziehen; und nach dem Schwarzen Buch macht Gott den Tausî Melek zum Oberhaupt der Engel. Würde man das Prinzip des Bösen den anderen Religionen gemäß interpretieren, sagen einige Yeziden, so müßte Gott eigentlich schwach sein, weil er nicht das Böse bekämpfen oder unterdrücken kann. Der Tausî Melek der Yeziden ist, wie Wagner sagt, alles andere als »das christliche Scheusal mit Hörnern, Schweif und Pferdefuß, das unsere deutschen Künstler noch heute auf ihre Bilder malen«, (…) »er ist nicht häßlich und ist nicht lahm, er ist ein lieber, charmanter Mann«[22].
Gemäß dem Glauben der Yeziden gliedert sich der Lauf des Geschehens in einzelne Zeitalter auf. Alle 1000 Jahre, so heißt es an einer Stelle im Schwarzen Buch und bei Giamil und Menzel und anderen Autoren, steige je eine der sieben Gottheiten (die Yeziden würden Engel sagen) auf die Erde herab und übernehmen die Herrschaft für eine bestimmte Dauer. Der Engel, der auf die Erde gekommen ist, erläßt Gesetze und Vorschriften und zieht sich dann nach Ablauf seiner Mission wieder in den Himmel zurück[23]. Folgt man dieser Theorie, dann gibt es also sieben Zeitalter, und die Dauer des gesamten Weltgeschehens beläuft sich auf 7000 Jahre. Hierzu heißt es. »This is the Tausî Melek age … The ruling and administrative power is in his hands until the thousandth year. When the time comes to an end he will deliver the power to the next god to rule and administer until another thousand years shall be ended, and so on until the seventh god«.[24] Empson vertritt die gleiche Auffassung, berechnet die Dauer der einzelnen Weltalter jedoch nunmehr auf 10.000 Jahre, so daß zur Vollendung des gegenwärtigen Säkulums, das unter der Herrschaft des Tausî Melek steht, noch 4000 Jahre fehlen.
Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß die Yeziden aufgrund des Schwarzen Buches wohl davon ausgehen, daß die Weltgesamtdauer 70.000 Jahre beträgt. Jeder der Engel herrscht hiernach also 10.000 Jahre. Sollten darüber hinaus aber auch alle 1000 Jahre Propheten erscheinen, so müßten dies andere als die sieben Engel sein. Man kann tatsächlich solche Spuren bei den Yeziden finden. Die Yeziden gehen davon aus, daß es bereits insgesamt 71 Erscheinungsformen von Adem gegeben hat. Nach Dirr sollen sie sogar 124.000 Propheten kennen, als deren erster Adam rangiere.[25] Als Stammvater der Propheten wird Adam auch im Schwarzen Buch genannt: »… our first father are Seth, Noah and Enoch, the righteous ones, who were descendent from Adam only«.[26]
Es zeigt sich, wie bereits erwähnt, daß die Mythen, wenn eine Gesellschaft sie richtig zu deuten weiß, einen wichtigen Faktor für das kollektive Geschichtsbewußtsein darstellen und damit auch einen Erklärungsansatz für die gemeinsame Kultur und und das gemeinsame Leben bilden. Die Urgeschichte der Völker, die in ihren Traditionen fortlebt, ist gänzlich von religiösen Ideen durchdrungen, so auch bei den Yeziden. Es ist eine Geschichte der Wanderungen und Verschmelzungen verschiedener Gruppen in Kurdistan; eine Geschichte von großen Ereignissen, von Kriegen, von Reformen (z.B. die von Sheikh Adi) oder anderen Formen gesellschaftlicher Veränderung.
Will man kurdische Geschichte und kurdisches Leben analysieren und verstehen, so kommt man nicht umhin, zuerst die Geschichte und Mythen der Yeziden zu analysieren. Ihre Geschichte, ihre Kultur und vor allem ihr philosophisches Denken unterscheiden sich auf jeden Fall von entsprechenden christlichen, jüdischen oder moslemischen Denk- und Glaubensgrundlagen. Möglicherweise ist dies auch ein Hauptproblem der kurdischen Moslems, die trotz ihrer Religionszugehörigkeit zum Islam sich in ihrer Art und Kognition von den anderen Moslems unterscheiden.
Ein großes Problem der Yeziden liegt darin, daß sie es nicht verstanden haben, Mythen und soziale Realität voneinander zu trennen. So glaubt immer noch die heutige alte Generation der Yeziden, daß cs sich bei den Mythen um »objektive Wahrheit« handelt. Das heißt, die Schöpfungsgeschichten werden trotz »physikalischer Probleme«, so wie sie erzählt werden, für uneingeschränkt wahr gehalten. Auch andere Religionen standen vor dem Problem der »Wahrheit« ihrer religiösen Mythen, aber sie haben Reformen durchgeführt, die es ermöglicht haben, die Mythen von einem anderen Standpunkt aus zu sehen, ohne diese zu verleugnen oder in ihrer Bedeutung zu schmälern. So standen z.B. in der griechischen Religion des 4. und 5. Jahrhunderts mythologische Elemente nebeneinander, deren zeitlicher Ursprung sehr weit auseinander lag. Aber mit der Zeit hat man es verstanden, sich von einigen Gottheiten abzulösen oder sie neu zu interpretieren, was sehr wichtig für die soziale Entwicklung war. Es ist ein Gesetz des kollektiven Denkens, daß die von der Vergangenheit übernommenen Riten und Glaubensgehalte nicht einfach verschwinden können, sondern daß sie vom Standpunkt der gegenwärtigen Auffassung heraus jeweils neu gedeutet und begriffen werden müssen. So verändert eine mythologische Interpretationsarbeit immer auch die Gestalt und die Aufgabe der alten herkömmlichen Institutionen.
Die anderen Religionen haben mehr oder minder erkannt, daß sie selbst nicht alle religiösen Bedürfnisse der Menschen erfüllen, und sie sind übrigens stolz darauf, daß sie die noch lebendigen Teile der alten Kulte verwenden und sie mit ihrem Geist durchdringen. Bei den Yeziden ist es zu keiner großen Veränderung oder positiven Entwicklung mehr gekommen, seit Sheikh Adi im 12. Jahrhundert seine Reformen durchführte. Seine Rolle muß an anderer Stelle eingehend analysiert werden. Aber sicherlich ist es fraglich, ob es sich wirklich um eine Reform oder Assimilation gehandelt hat oder nicht eher um einen Rückschritt. Die bis dahin offene yezidische Gesellschaft wurde durch die Reformen in ein Kastensystem mit seinen verschiedenen Einschränkungen und Verboten gezwungen. Die yezidische Gemeinschaft verfügte bis zu diesem Zeitpunkt über ein anderes Glaubenssystem mit einer reichen Kultur, die Elemente aus verschieden Religionen – von der Mithras- bis zur Zarathustra-Religion – in sich aufgenommen hatte.
Die Veränderung einer Religion oder eine in die Wege geleitete Reformation ist sicherlich mit einer Reihe von Risiken verbunden. Die Dynamik der Veränderung ist nicht immer kontrollierbar, der Ausgang der Entwicklung ist offen: Die Rolle der Priester und Religionsoberhäupter kann z.B. ins Wanken geraten, und die Aufnahme neuer Glaubensinhalte kann die religiöse Glaubensgemeinschaft in ihrem inneren Gefüge erschüttern. Damit diese ihr Gleichgewicht bewahrt, müssen neue und alte religiöse Überzeugungen, Rituale und Bräuche miteinander in Übereinstimmung gebracht werden. Wenn eine Gesellschaft – wie zum Beispiel die entstehende christliche – neue religiöse Glaubensinhalte aufnimmt, dann stellt dieser Vorgang trotzdem keinen absoluten Neubeginn dar. Der Vorstellungsrahmen, in dem sie sich bisher bewegt hat, wird nicht gänzlich zerbrochen. Darum projiziert eine solche Gemeinschaft in der Regel gleichzeitig die neu erarbeiteten Vorstellungen in ihre Vergangenheit und gibt sich Mühe, diejenigen Elemente der alten Kulte, die sich ihr angleichen lassen, der neuen Religion einzugliedern. Dies ist nur möglich, wenn die Vergangenheit nicht abgeleugnet und alles vorherige als falsch betrachtet wird. Die Gemeinschaft muß sich also, indem sie neue Glaubenselemente aufnimmt, gleichzeitig mit ihrer Vergangenheit beschäftigen; die neuen Elemente dürfen nicht die Ausschließung vertrauter Erinnerungen, Traditionen und Ideen bedeuten.
Die Begründer des Christentums z.B. haben sich große Mühe gegeben, zahlreiche Berührungspunkte zwischen den Propheten des Alten Testaments und den Geschichten und Worten von Jesu Christi, die deren Erfüllung darstellten, herauszuheben. Die theologischen Grundideen des Judentums wurden beibehalten, und die neuen Ideen wurden hinzugefügt. Das gleiche gilt für den Islam. Daher darf man sich nicht wundern, wenn der Islam sich als die letzte, endgültige und vollkommene Religion und ihren Propheten als den letzten Propheten ansieht. Der Islam lehnt nicht ganz und gar die alten Religionen ab, sondern sieht sich als deren Vollender an.
Ein vergleichbarer Prozeß der Erneuerung hat bei den Yeziden nie stattgefunden. Hierfür gibt es neben religiöse Faktoren, auch politische Ursachen. Die Yeziden hatten niemals die Chance, als Gemeinschaft – und sei es nur für eine begrenzte Zeit – in Frieden zu leben. Immer hat es in dem Gebiet, wo sie angesiedelt waren, Krieg gegeben: Krieg jedweder Art, d.h. nationale Kriege, Stammeskriege oder Glaubenskriege. Auch die kurdische Gesellschaft war, da die Yeziden einen anderen Glauben hatten, oftmals an den Verfolgungen und Grausamkeiten beteiligt. Dies soll aber keine Entschuldigung für das Fehlverhalten der yezidischen Führer und Religionsoberhäupter sein. Sie haben in erster Linie versagt, weil sie nicht den Versuch unternahmen, die Religion weiterzuentwickeln.

[1] Spence, Lewis: The Outline of Mythology, Fawcett Publication, Inc., New York, 1965, S. 13.
[2] Vansina, Jan: Oral Traditions as History, The University of Wisconsin Press, Wisconsin, 1958, S. 21-22.
[3] Vgl. Malinovski, Bronislav: Myth in Primitive Psychology, New York, W. W. Norton & Company, Inc., 1926.
[4] J. Schniewind: A  Reply to Bultman, in: Kerygma and Myth, hrsg. Von H.W.Bartsch, London,1953, S. 47.
[5] Strukturale Anthropologie, Frankfurt am Main. 1967, S. 17.
[6]    Lévi-Strauss, Claude: The Structural Study of Myth, in: Myth: A Symposium, edited by Thomas A. Sebeaok, Indian University Press, Bloomington, 1958, S. 53.
[7]    Durkheim, Emile: The Elementary Forms of Religious Life, S. 375.
[8]    Malinowski, Bronsilav: Myth in Primitive Psychology, S. 19.
[9]    Boas, Franz: Race, Language and Culture, S. 457.
[10]    Ebd., S. 476.
[11]    O. H. Parry: Six Month in a Syrian Monastery, Anhang. Joseph: Yezidi Texts. Vgl Bittner: Die beiden heiligen Bücher der Jeziden, S. 629 ff.
[12]    M. Bittner: a. a. O., Klaus E. Müller: Kulturhistorische Studien zur Genese Pseudo-Islamischer Sektengebilde in Vorderasien, Franz Steiner Verlag GmbH, Wiesbaden, 1967.
[13]    Joseph: a. a. O., S. 111.
[14]    A. H. Layard, Nach Gamil hat es sich sogar um eine Bibliothek gehandelt.
[15]    Geertz, Clifford: The Interpretation of Culture, S. 49.
[16]    Vgl. Giamil: a. a. O.
[17]    Vgl. Joseph, M. Bittner.
[18]    Vgl. Joseph, Bittner: Die heiligen Bücher der Yeziden.
[19]    Muawi ben Ismail: al-Yazidi, ebd. S. 46.
[20]    Vgl. Guerinot: a.a. O., S. 595 f.
[21]    G. P. Badger: a. a. O., I, S. 112. J. Menant: a. a. O.
[22]    M. Wagner: Reise nach Persien und dem Lande der Kurden. 2 Bände, Leipzig. 1852.
[23]    Joseph, I.: Yezidi Texts. In: The American Journal of Semitic Languages and Literatures, 25. S. 2-3 (1909).
Menzel, T.: Ein Beitrag zur Kenntnis der Yeziden, In: H. Grothe: Meine Vorderasien-Expe-dition 1906 und 1907. I. Leipzig 1911., Artikel »Yazidi«. In: Handwörterbuch des Islam, Leiden, 1921.
[24]   I. Joseph: a. a. O.
[25]    A. Dirr: Einiges über die Jeziden . S. 568.
[26]    I. Joseph: a. a. O., S. 221 ff.

 

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