Durch Ostanatolien – vom Vansee nach Trabzon

 

Den ersten Wunsch zu einer Reise zum Ararat weckte in  mir die Bibel und deren Schilderung der Sintflut mit endlich nach vierzig Tagen glücklicher Landung der Arche Noahs auf dem Berg Ararat. Diesen seltsamen Berg sehen zu können, war mein Traum seit Kindertagen, dessen Erfüllung für einen DDR-Bürger nicht möglich schien – bis die politische Wende im Ostblock über uns kam.

AnabasisIn der Oberschulzeit erweckte dann Xenophons „Anabasis“ – ein Augenzeugenbericht über den Rückmarsch des griechischen Söldnerheeres nach der Schlacht von Kunaxa (401 v. Chr.) über Kurdistan und Armenien ans Schwarze Meer – mein Interesse für die raue Bergwelt Ostanatoliens, die Xeneophon im vierten Buch auch – nur so nebenbei – schildert. Es ist der Teil der Fluchtbeschreibung des griechischen Söldnerheeres vor den sie verfolgenden Persern, der den Weg aus der Gegend bei Sirt über Bitlis bis Trapezunt (Trapezus) schildert. Hinter dem Namen des Volksstamms der Karduchoi könnte man wegen der Ähnlichkeit des Klanges die heutigen Kurden vermuten.

Neben militärischen Details, die von späteren Reisenden in zahllosen militär-geographischen Studien oder gar an Ort und Stelle überprüft wurden, gibt Xenophon genaue Beschreibungen von Land und Leuten jenes damals so unbekannten Landes:

5. Kapitel: Weitermarsch im Schneesturm. Eine Woche der Erholung

(12) Eine Anzahl Feinde aber, die sich gesammelt hatten, folgte nach und raubte das Zugvieh, das nicht mehr fort konnte, worüber es unter ihnen selbst zu Raufereien kam. Es blieben aber auch Soldaten liegen, teils weil sie durch den Schnee das Augenlicht verloren hatten, teils weil ihnen die Zehen abgefroren waren. (13) Ein Schutzmittel für die Augen gegen den Schnee war es, wenn jemand auf dem Marsche irgend etwas Schwarzes vor die Augen hielt, und für die Füße, wenn jemand sie beständig bewegte und nie ruhen ließ, des Nachts aber die Schuhriemen aufband. (14) Wer jedoch in den Schuhen schlief, dem drückten sich die Riemen in den Fuß ein, und die Schuhe froren an. Es waren nämlich, da das alte Schuhwerk verbraucht war, sogenannte Karbatinen, die man sich aus frischen Ochsenhäuten verfertigt hatte. […] (25): Die Wohnungen befanden sich unter der Erde, am Eingange wie ein Brunnenloch, unten aber weit. Die Eingänge für das Zugvieh waren gegraben, die Menschen aber stiegen auf Leitern hinab. In den Wohnungen gab es Ziegen, Schafe, Rinder und Federvieh nebst den Jungen. Das sämtliche Vieh wurde innerhalb der Häuser mit Heu gefüttert.

Das muß man sich mal vorstellen: barfuß im Schnee! Damals haben von den Zehntausend dieses Söldnerheers Achttausend Griechenland erreicht, so abgehärtet war man damals gegen Wind und Wetter, heute erreichten unter den gleichen Bedingungen von uns durch Zivilisation verwöhnten bestenfalls Zweitausend ihre Heimat.

Zahllose Völker sind inzwischen über das Bergland gezogen, doch wer heute durch Kurdistan und Armenien reist, wird beim Anblick der bunkerähnlichen Bergbauernhäuser an die 2415 Jahre alte Schilderung Xenophons erinnert.

1985 erschien im Verlag VEB F. A. Brockhaus Leipzig von Friedrich Parrot das Buch „Reise zum Ararat“ (1834 zuerst erscheinen). Parrot bezwang 1829 als erster den Ararat. Das Buch ist zu einer wahren Fundgrube für meine Träume vom Berg Ararat geworden. Im Jahr 2005 sah ich den Ararat dann wirklich zum ersten Mal …


Wer meint daß Anatolien türkischen Ursprungs ist, sitzt einem Irrtum auf. Das Wort leitet sich von dem griechischen anatolē ab und bedeutet „Osten“ bzw. „Sonnenaufgang“, ebenso wie das semitische assu, vom dem sich unser Wort Asien ableitet. Beides meinte bei Griechen und Römern die damals bekannten Länder, die östlich von Griechenland liegen.

Was Ostanatolien als Landschaft – östlich einer von mir gedachten Linie von Trabzon bis Adana – von Westanatolien unterscheidet, ist sein zunehmend kontinentaleres Klima (heiße Sommer, kalte Winter). Der Waldbestand ändert sich, in Ostanatolien wachsen in zunehmendem Maße nur noch winterharte Gehölze. Getreidebau findet man im Osten nur in den Becken zwischen den in ost-westlicher Richtung verlaufenden Gebirgszügen; kälteempfindliche Pflanzen wie Reis, Wein, Oliven gedeihen in den Hochlagen nicht mehr, sondern nur im Bereich der Schwarzmeerküste und in einzelnen Oasen der mesopotamischen Steppentafel, deren landschaftlicher Charakter den von Nordsyrien fortsetzt.

Eine Sonderstellung in vielfacher Hinsicht nimmt der Tieflandstreifen längs der Schwarzmeerküste ein. Es ist das niederschlagreichste Gebiet der Türkei. Vor allem Haselnuß und Tee werden hier angebaut Die Grenzscheide zum inneren Ostanatolien mit Festlandklima bildet das Ostpontische oder Zigana-Gebirge, dessen Gipfelhöhen in 3000 bis 4000 Meter liegen und das eine unüberwindliche Klimascheide mit feuchter Außen- und trockener Innenabdachung bilden.

Kurdenjunge, ungebadet ;-)

Kurdenjunge,vom Vansee gebleicht.
Mausklick: Das Original

Südlich der Linie Erzincan – Tortum – Oltu geht das Randgebirge in die Bergketten, Vulkankegel und Lavaplateaus des inneren Ostanatoliens über. Im Herzen des Berglandes liegt der abflußlose, durch einen natürlichen Lavadamm aufgestaute Vansee in einer Höhe von 1646 Metern; er umfaßt die siebenfache Fläche des Bodensees. Weil der Vansee keinen Abfluß hat, sein Wasserspiegel nur durch ein Gleichgewicht zwischen Verdunstung und Wasserzuflüssen konstant gehalten wird, steigt der Sodagehalt des Sees immer mehr an, das Wasser fühlt sich wie Waschlauge an und wirkt bleichend auf Stoffe, Wolle und die im Winter tiefschwarzen Haare der im See badenden Kurdenjungs.

Außerhalb des Vanseebeckens liegen die Quellgebiete der größten Ströme des mittleren Vorderasien; im Norden der zum Kaspischen Meer fließende Aras (Araxes) und die Quellflüsse des Euphrat (Firat), im Süden – nur wenige Kilometer vom Vansee entfernt – die des Tigris (Dicle). In engen unzugänglichen Schluchten durchbrechen die Flüsse die Gebirgsketten, um dann wieder in ruhigem Lauf die beckenartig erweiterten und meist fruchtbaren Längstäler zu durchfließen. Die Vielfalt des Reliefs wird noch gesteigert durch mehrere die Gebirgsketten oder Hochplateaus überragenden Vulkanriesen. Deren berühmtester ist der Große Ararat (5165 Meter), auf dem – der Bibel zufolge – die Arche Noah gelandet sein soll. Kaum weniger imposant ist der isolierte Kegel des Süphan Dagi (4059 Meter) nördlich des Vansees, den die Arche nach der armenischen Legende kurz berührt haben soll.

Sanft sich abdachende Kegel bilden der Nemrut Dagi mit seinem zauberhaften Calderasee westlich des Vansees und der Tendürük Dagi mit seinen jungen Lavamassen im Nordosten, dicht an der iranischen Grenze. Die südliche Randkette des Gebirgshochlandes bildet der äußere Osttaurus, der sich im fernsten Südosten der Türkei noch einmal im Hakkari-Gebirge verbreitert, das den Übergang zwischen dem Taurus und den iranischen Zagros-Ketten vermittelt. Vom Gebirgsfuß bis zur syrischen Grenze schließlich erstreckt sich die südlichste Landschaftseinheit, das Tafel- und Hügelland der Steppe Hoch-Mesopotamiens, unterbrochen lediglich vom inselartig aufragenden Vulkangebirge des Karaca Dag und der Mardin-Berge.


Den wesentlichsten Erwerbszweig der Bewohner in den ländlichen Gebieten bildet noch immer vor allem die Viehzucht, insbesondere Schaf- und Ziegenhaltung. Vorherrschende Wirtschaftsform ist die Weidewirtschaft der Nomaden, wobei die Herden im Sommer die vom Schneeschmelzwasser benetzten Hochgebirgsweiden, in der kalten Jahreszeit das wintermilde Tiefland Mesopotamiens oder der Schwarzmeerküste aufsuchen. Die ausgeprägteste Form dieser Wanderweidewirtschaft war der die von zahlreichen kurdischen Stämmen betriebene ausschließliche Nomadenwirtschaft. Dieser Erwerbszweig ist aber infolge der Aktivitäten der PKK, die diese abgelegenen Bergregionen als Rückzugsgebiete nutzt und deren Verfolgung und Vertreibung – auch der nicht militanten Bevölkerung – durch das türkische Militär, kaum mehr möglich. Die aus den Bergen Vertriebenen drängen sich nun als zumeist Erwerbs- und Mittellose in den Elendsvierteln der größeren Städte, wie zum Beispiel Diyarbakır; für die selbst ein deutscher Hartz-4-Touri als unermeßlich reich gilt, der folglich rücksichtslos auszunehmen ist – aber kann man es ihnen verdenken, daß sie soziale Gerechtigkeit auf ihre Weise herstellen wollen?


Die heutige Bevölkerung spricht vorwiegend kurdisch. Wer alleine reist, also nicht in einer von einem einheimischen Reisebegleiter geführten Touri-Gruppe, kommt in den kleineren Dörfern selbst mit Türkischkenntnissen nicht sehr weit, da die älteren Bewohner meist nur kurdisch sprechen, er bleibt auf die Hilfen der Kinder angewiesen, die, sofern sie die Pflicht-Schule besuchen, türkisch lernen mußten. Deren Hilfsbereitschaft herauszufordern, fällt jedoch nicht schwer, da jeder Fremde von den Kindern wie ein seltener Vogel umringt wird, dessen ungeteilte Aufmerksamkeit es zu erringen gilt.

Armenier leben in Ostanatolien hier kaum mehr, seit dem sie im ersten Weltkrieg in den Machtkämpfen der Russen um einen Korridor von Transkaukasien zum Mittelmeer, der Engländer und Franzosen um den Besitz der Ölfelder bei Batman und den sich dagegen wehrenden Jung-Türken durch Schaffung und Erhalt eines türkischen Staates auf den Trümmern des osmanischen Reiches fast völlig zerrieben wurden. Die Armenier, wie auch die assyrischen Christen hatten sich in dem schmutzigen Ränkespiel der Europäer, vor allem den Russen als angebliche Schutzmacht aller Christen in Anatolien, auf ihre Seite ziehen lassen, was freilich nicht die Grausamkeit ihrer fast totalen Vernichtung durch die Türken rechtfertigt. Schon immer wurden in diesem Raum die kleineren Völkern in den Interessenkonflikten der Großmächte zerrieben, wenn sie nicht, klug wie die Schlangen und ohne Falschheit wie die Tauben (Bergpredigt), die Großmächte gegeneinander ausspielten. Lehreiche Beispiele einer solch klugen Politik, die in diesem Fall die Römer gegen die Perser ausspielte, liefert uns das Königreich Kommagene und das armenische Kleinkönigsreich Vaspurakan, an das die Heilig Kreuz Kirche auf Aktamar im Vansee die Erinnerung bis heute wachhält.


Das Verkehrsnetz weist noch nicht die Dichte wie in Westanatolien auf, doch seit 2005 hat sich in meinen Augen bereits sehr viel getan, um nun auch Ostanatolien wirtschaftlich zu entwickeln. Außerdem sind alle größeren Städte in das innertürkische Flugverkehrsnetz einbezogen und mit den preiswerten Überlandbussen kommt man fast überall hin. Wer mit der Eisenbahn reisen will, reist ebenfalls billig, er muß aber ein gerüttelt Maß Gelassenheit mitbringen, für cholerische Typen ist eine Bahnreise in der Türkei ganz und gar nicht empfehlenswert. In vielen Dingen, wie z.B. den Staudammprojekten, scheint aber auch eine gegen die Landschaft und Altertümer rücksichtslose Fortschritts-Gigantomanie zum Ausdruck zu kommen. Aber waren wir Westeuropäer in naivem Fortschrittsglauben früher maßvoller als jetzt die Türken?

Man darf hoffen, daß die jahrzehntelange Vernachlässigung der türkischen Ostprovinzen durch die staatliche Förderung und Entwicklungsplanung tatsächlich den Anschluß an die Entwicklung der Westtürkei gelingt, die wirtschaftlich fast mit Westeuropa gleichgezogen ist. und daß auch der Tourismus planmäßig weiter gefördert wird, ohne die Naturnähe und den Reiz des Unberührten zugunsten des Komforts suchenden Westeuropäer zu opfern. Dann muss der Besuch der armenischen Kirchen und Klöster und der gewaltigen Reste der Urartu-Kultur im Umkreis von Van nicht mehr als Pioniertat gelten – hoffentlich zum Wohle der Bevölkerung Ostanatoliens.


Reiselektüre: Als Vorbereitung einer nicht ausschließlich fachbezogenen Reise kann ich vor allem aus der Reihe „lonely planet“ das Buch „Türkei“ empfehlen. Das Buch „Osttürkei – zwischen Nemrut, Ararat und Hakkari-Gebirge“ von Sonja Galler und Davut Yasilman hilft dagegen bei der Suche nach einer Unterkunft längst nicht so umfassend weiter, wie die nur scheinbar allgemeinere Türkei-Ausgabe von lonely planet. Bisher unübertroffen bleibt für denjenigen, der in besonderem Maße an Kultur, Geschichte und Landschaft der Osttürkei interessiert ist, das reich bebilderte Buch von Volker Eid „Im Land des Ararat – Völker und Kulturen im Osten Anatoliens“.


 und nun noch eine Bildergalerie

 


Anmerkungen zum Video

Es singt der Yeshiva Boys Choir das Lied Mi Adir. Es paßt der einen oder dem anderen vielleicht nicht so recht zum Thema einer Reise, denn das Lied wird gesungen, wenn der jüdische Bräutigam die Chuppa betritt, aber es trifft ganz ausgezeichnet die hymnische Stimmung, in die man angesichts dieser herrlichen Landschaft geraten muß:

 

Mi adir al hakol,
mi baruch al hakol,
mi gadol al hakol,
mi dagul al hakol,
hu yivarech es hechasan v’es hakallah

 

ER, der mächtiger ist als alles
ER, der alles gesegnet,
ER, der größer ist als alles,
ER, der Einzige unter allen
ER segne den Bräutigam und die Braut.

An die wissensdurstigen Besucher:
Ein großer Teil der Videos wurde mit einer Lumix TZ8 aufgenommen, einfach weil sie problemlos in jede Hosentasche paßt, bei Bergwanderungen von unschätzbarem Vorteil. Ihr Nachteil, die Videos sind etwas verwackelt, trotz Bearbeitung. Leider hat die TZ8, wohl beim Zoomen, Staub in die Linse gesaugt, bei bestimmten Lichtverhältnissen stört das, manche Videos sind kaum zu gebrauchen. Aus Fotos kann man das leicht auf dem PC weg machen, aber bei Videos? Die TZ8-Bilder und -Videos wurden fast 32GB, die anderen … wer wohl?
Mit der Präsentation hab ich in Akdamar begonnen, weil die armenische Kirche nun ein Kreuz trägt. Ein altes Video nur über Akdamar (noch ohne Kreuz auf der Kirche)folgt morgen. Es bewegt sich also was in Sachen Religionsfreiheit, wenn auch nur zaghaft, vor allem dank der EU. Im Tur Abdin werden Klöster der Syrianer wieder restauriert, die EU-Fördermittel werden, so ist es vereinbart, auch zum Bau von Moscheen verwendet. Die Kurden hatten ja ebenfalls keine Gotteshäuser, und so freuen sich die Kurden, sofern sie Moslems sind, daß ihre christlichen Nachbarn ihre Kirchen wieder bekommen, und die Christen darüber, daß ihre moslemischen Nachbarn nun auch Moscheen haben werden – mir gefällt das, auch wenn mich Religion kalt läßt.
Was ist noch zu sehen? Ararat, Kars (Orhan Pamuks „Schnee“ handelt hier), türkisch Georgien, das ist das Land der Lasen (die Ostfriesen der Türkei ;-)) mit dem Karagöl Sahara Milli Parki, Kaçkar-Gebirge, Bergsee Uzungöl (von urlaubenden Arabern voll in Besitz genommen), Santa, die Region Barhal, der Abdal Musa Dag, das Sumela-Kloster, welches wie ein Adlernest an einen Felsen geklebt wurde. Den Besucher erwartet ein Höhenunterschied von 300m – ein sehr steiler Aufstieg, *keuch und schwitz* aber das ist gar nichts gegen die fast 900m Höhenunterschied zum Abdal Musa Dag rauf.
Zum Schluß Trabzon mit der Hagia Sophia, das alte Trapezunt, und dessen weitere Umgebung, also auch das Schwarze Meer – naja, ich will euch nicht langweilen, die Gegend ist jedenfalls wunderschön und nie langweilig. Das reicht jetzt aber an Geschwätz.


 

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