Saratow

Tag Acht: Ein Vormittag in Saratow

Unser Spruch des Tages:
Ob wir erreichen, was wir uns vornehmen,
hängt von Glück ab;
aber das Wollen ist die einzige Sache
unseres Herzens
José Ortega y Gasset

WOLGA Волга: Das blaue Band

An den Bahngleisen gehen die Gänse spazieren, Schafe und Kühe bevorzugen die Straße. Ein paar Tannen stehen Spalier, ebenso Apfel-, Mirabellen-, Birnen- und Vogelbeerbäume. Im Hintergrund kleine, runde Birkenwäldchen, eingefasst von sehr viel Wiese. Verschneidungen im Gelände, Flüsschen, dazwischen immer wieder Dörfer aus unverputztem Waschbeton, dann wieder Sonnenblumen- und Weizenfelder. Ich bin unterwegs nach Saratow an der Wolga, dem ehemaligen Knotenpunkt der Wolgadeutschen. Der Strom hier ist mächtig, seegleich, schon fast wie ein Meer, mit gewaltigen Sandbänken und kleinen Inseln liegt er im Dunst, und ich denke an die ganzen Menschen, die hier ihr Glück suchten, die für die nächsten Generationen arbeiteten und dann in alle Winde verstreut wurden. Damals hieß es: den Ersten der Tod. Den Zweiten die Not. Den Dritten das Brot.

Vor mir tauchen die Vororte von Saratow auf, und das Leben an der Peripherie wird geschäftiger. An der Bahnlinie verschwinden die Menschen in den Büschen, in den Händen tragen sie Eimer mit Beeren, Pilzen und Tomaten. Der Bus hält auf dem Scheitelpunkt des Sokolowaja-Hügels, der sich über der Stadt erhebt. Ich steige aus und verabschiede mich von dem Fahrer, dessen Hemd ihm am Rücken klebt, unter den Achseln hat er tellergroße Schweißflecke. Er grüßt nicht zurück, fährt mit offener Tür weiter, und ich gehe die paar Meter bis zum Park Pobedy, dem Siegespark, dessen Eingang von einem Kampfjet flankiert wird. Eigentlich bin ich wegen des Blickes auf die Stadt hier. Unter mir windet sich die Wolga wie eine fette Schlange an gold glitzernden Zwiebeltürmen und Industrieanlagen entlang. Einst war das hier die Hauptstadt der Goldenen Horde, später landeten unten am Hafen ganze Hundertschaften Deutscher, die dem Ruf Katharinas der Großen gefolgt waren. Sie ließen sich zwischen Balakowo und Saratow nieder und machten schließlich die Stadt Engels auf der anderen Flussseite zu ihrer Hauptstadt. Im 19. Jahrhundert erlebte Saratow seine Blütezeit, noch heute erzählen die Jugendstilgebäude in der Innenstadt von der einstigen Pracht. Vom deutschen Erbe blieb allerdings nicht viel. Außer alten, in Deutschland ausrangierten Linienbussen, die für Adelholzer Mineralwasser werben, oder Schuh- und Küchenläden, die sich deutscher Qualität rühmen. Aber ich werde schnell eingesogen von diesem Park. Es ist einer, wie es ihn in vielen russischen Städten gibt, eine Anlage, die die heldenhaften Leistungen des Großen Vaterländischen Krieges ehrt und ihn durch ständiges Gedenken im Alltag verankert. Sieg. Ein Wort, dass wir in Deutschland nur aus dem Sport kennen. In Russland erwartet es einen an jeder Ecke, jeder Promenade, jedem Bahnhof: Sieg, Sieg, Sieg. Ich laufe zwischen Eisbuden und Panzerreihen umher, zwischen Hubschraubern und MIGs. Bemerkenswerterweise ziehen diese Erinnerungen an den Krieg, diese Symbole des Patriotismus, reihenweise Hochzeitsgesellschaften an. Ihre Limousinen stellen sie auf dem Parkplatz ab, die Bräute schreiten in ihren weißen Kleidern voran, um sich mit ihrem Liebsten vor dem gepanzerten Eisenbahnwagen und dem Kriegerdenkmal fotografieren zu lassen. Für mich etwas verstörend, für die Russen ganz normalna. Ein Teil des Parks besteht aus dem Dorf der Völker, das die Vielfalt der Nationen abbilden soll, die hier mal gelebt haben und es teilweise noch tun: Tataren, Kosaken, Armenier – und die Deutschen. Jede Nation hat ihren eigenen Bungalow. Bei den Armeniern gibt es Schaschlik und Bier.

zitiert aus
Fredy Gareis
„100 Gramm Wodka“


Nachdem wir am Vortag, nach der Abfahrt aus Wolgograd, einen Regennachmittag/-abend auf der Wolga erleben durften, weckte mich um halbfünf Uhr ein wunderschöner Sonnenaufgang über der Wolga. Das westliche Ufer der Wolga wurde nun immer hügeliger und war – scheinbar – auch immer dichter besiedelt, als der Unterlauf der Wolga zwischen Astrachan und Wolgograd. Um ca. halbzehn Uhr legten wir in der Stadt Saratow an, die sich schon lange vorher durch die beeindruckend lange Brücke über die Wolga von Saratow nach Engels, der Hauptstadt der „Autonomen Wolgarepublik“, ankündigte:

Die Begleitmusik zu diesem Video: die russischen Volkslieder „Das passierte bei der Stadt Saratow“ und „Ach, meine Diele“, wird gespielt von der Studentengruppe „Zhalejka“ aus St. Petersburg

Die Stadt Saratow wurde 1590 als Festung am „Wiesenufer“ der Wolga gegründet und 1674 ans rechte Ufer verlegt. Die Brücke von 1965, die hier den Strom überspannt, ist eine der größten Europas. Saratow mit 831.000 Einwohnern ist eine dynamische Stadt, in der zahlreiche Bauwerke der Renovierung harren. Ein schönes Ziel ist die barocke Dreifaltigkeits-Kathedrale, die auf die Zeit der Stadtgründung zurückgeht. In der Nähe des Tschernyschewski-Platzes befindet sich der Lindenpark, in dem früher Mädchen und Burschen nicht in der gleichen Allee spazieren durften. Rechts davon steht die Kirche Utoli-moju-petschal/Lindere meinen Kummer (1907) mit vielen bunten Zwiebeltürmchen; gegenüber beginnt die von Ulmen gesäumte verkehrsfreie Kirow-Straße

Nach dem Anlegen der MS Kandinsky ging es auch schon los zur üblichen 3-stündigen Stadtrundfahrt, deren Verlauf man anhand der Bildergalerie verfolgen kann. Die architektonisch verspielt wirkende Kirche  „Lindere meinen Kummer“ – eine verkleinerte Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale -, das Konservatorium auf dem Tschernyschewski-Platz und der Kirow-Prospekt (siehe die Bildergalerie und das Video so-ist-es-auf-unserer-strasseSo ist es auf unserer Straße“ – musikalisch untermalt durch das gleichnamige Volkslied -, gespielt von der Gruppe „Zhalejka“) sind durchaus sehenswert.

Vom Falkenberg (Sokolowaja Gora) mit dem Park des Sieges, einer Ausstellung von Militärtechnik und dem Sieges-Denkmal „Kraniche“, hat man einen sehr schönen Blick über die Stadt, einer ehemaligen Militärschmiede der Sowjetunion, und eine die breite Wolga überspannende Brücke nach Engels (siehe mein Video saratovSaratow“ mit dem Volkslied  „In der Schmiede“, gespielt von Zhalejka). Die hügelige Umgebung der Stadt schien – in meinen Augen – reizvoller als die Stadt selbst zu sein.

Um Viertel vor Zwei legten wir bereits wieder ab und konnten ab da wieder das ruhige Dahingleiten über die Wolga aufwärts nach Samara, das wir allerdings erst am nächsten Tag erreichen werden,  bis zu einem dramatischen Sonnenuntergang genießen. Um einundzwanzig Uhr gab es dann zum Abschluss des erlebnisreichen Tages ein Klavierkonzert von unserem Bordpianisten Michael … mit Werken von Mozart, Haydn und Beethoven.


Juri Gagarin und Saratow

Das Gagarin-Museum (ul Sakko i Vanzetti 15) ehrt den Kosmonauten, der hier lebte und studierte; er landete 1961 mit seiner Kapsel „Wostok 1“ nur 30 km von Saratow entfernt:
Nach fünf Testflügen, wobei erneut Hunde als Ersatzkosmonauten herhalten mußten, wurde auf dem großen Startgelände bei Baikonur in Kasachstan, wo auch die Starts der Sputniks erfolgt waren, eine neue Premiere vorbereitet. Auf der Rampe stand die dreistufige, 38 m hohe Wostok-Rakete mit einem Startgewicht von 350 bis 400 t. Das Datum – 12. April 1961 – sollte wie nur wenige andere in die Geschichte der Astronautik eingehen. Dreieinhalb Jahre nach dem ersten Raumflug eines künstlichen Erdsatelliten, saß in einem Raumfahrzeug an der Spitze der Rakete ein Mensch: der 27jährige Jagdfliegeroffizier Juri Gagarin. Sein Start erfolgte um 9.07 Uhr Moskauer Zeit.
Seine kugelförmige Kapsel mit einem Durchmesser von 2,3 Metern und einer Masse von 2,4 t war während der Erdumrundung mit einem Versorgungsteil verbunden, das u.a. Einrichtungen für die Energieversorgung und die Steuerung sowie Funkanlagen enthielt, so dass die Gesamtlänge über 7 m betrug. Das Raumschiff, in dem sich der Kosmonaut mit seinem Raumanzug, an dem Messgeräte befestigt waren, kaum bewegen konnte, war mit drei größeren Luken und drei kleinen Sichtfenstern ausgestattet. Gagarin atmete ein normales Luftgemisch, was wegen des höheren Gewichts keine optimale Lösung darstellte. Während des Flugs wurde er ständig von einer Fernsehkamera überwacht. Seine Beobachtungen gab er entweder per Sprechfunk weiter oder zeichnete sie auf einem Rekorder auf, wenn er nicht in Reichweite der Bodenstationen war. Die Flugbahn der Wostok bewegte sich zwischen 181 und 237km, ihre Geschwindigkeit betrug auf dieser elliptischen Bahn 28000 km pro Stunde. Da für diesen ersten Raumflug eines Menschen von vornherein nur ein Erdumlauf vorgesehen war, erfolgte die Landung mit Hilfe von Bremsfallschirmen nach 1 Stunde und 48 Minuten im Gebiet von Saratow an der Wolga. Erst später wurde bekannt, dass Gagarins Flug nicht ohne Probleme verlaufen ist. Nach der von der Bodenstation eingeleiteten Rückkehr konnte zunächst der neben der Kapsel angebrachte Schwenkarm nicht abgetrennt werden. Er verglühte schließlich beim Eintritt in die Erdatmosphäre, so daß das Unternehmen einen glücklichen Abschluss finden konnte. Juri Gagarin wurde nicht nur in der Sowjetunion und in ihren Bündnisstaaten zu einem gefeierten Idol der Jugend. Bescheiden im Hintergrund blieb indessen ein anderer Mann, der wie kein zweiter an den Erfolgen des Ostens in diesen Jahren beteiligt war: der Ziolkowski-Schüler und Raumfahrtingenieur Sergei Pawlowitsch Koroljow. Kennzeichnend für die sowjetische Raumfahrttechnik war von Anfang an ein wenig beachteter ökonomischer Aspekt. Während in den USA ständig neue Raketen- und Satellitentypen geplant und gebaut wurden, versuchte man im Osten gleichartige oder leicht modifizierte Bauteile für unterschiedliche Unternehmungen zu verwenden. Das gilt für Raketen ebenso wie für Raumschiffe und unbemannte Satelliten. Bemerkenswertes Beispiel dafür ist die Modulbautechnik der Kosmos-Serie.

Gorbatschow und Saratow

Als anlässlich des Begräbnisses von Breschnew 1983 Bundeskanzler Helmut Kohl, frisch im Amt, zu einem kurzen Gespräch in den Kreml gebeten wurde, fragte er zum Entsetzen seiner Begleitung – Peter Boenisch, damals Pressesprecher, hat es berichtet – den Kremlherrscher, dem der schlechte Gesundheitszustand ins Gesicht geschrieben stand, unverblümt nach seinem möglichen Nachfolger. Die Antwort lautete unbefangen und realistisch, der Nachfolger werde ein Jüngerer sein, ein gerade ins Politbüro gewählter Agrarfachmann aus Saratow. Sein Name: Michail Gorbatschow.

Napoleons Feldzug nach Russland und Saratow

In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts entdeckte ein russischer Historiker einen Leutnant Nicolas Savin von den 2. Husaren, der an der Beresina gefangengenommen worden war. Er lebte jetzt in einer kleinen Kate am Stadtrand von Saratow, umgeben von Blumen, die er täglich goß. In seinem Studierzimmer stand eine kleine Bronzestatue von Napoleon, und dort hing auch ein Porträt des Kaisers, das er aus dem Gedächtnis aquarelliert hatte. Er lebte noch lange und trug stolz seinen Orden der Légion d’Honneur, bis er 1894, offenbar im Alter von 127 Jahren, starb. Nach Frankreich war er nicht zurückgekehrt, weil er nicht ertragen konnte, dass es von einem anderen als Napoleon regiert wurde.

Der 1788 in Metz geborene Jean-Victor Poncelet (1788–1867) war von 1807 an drei Jahre Student an der Pariser Polytechnischen Schule und damit Schüler von Monge, Lacroix, Ampère, Poinsot und Hachette. Nach dem Eintritt 1810 in das militärische Ingenieurkorps und der Leitung von Befestigungsarbeiten geriet Poncelet 1812 während des Russland-Feldzuges Napoleons in russische Kriegsgefangenschaft. Zwei Jahre verbrachte er in Saratow. Obwohl – oder auch vielleicht gerade deswegen? – abgeschnitten von jeglicher wissenschaftlichen Literatur, entwarf er die Grundzüge der projektiven Geometrie, also einer Geometrie, die untersucht, welche Eigenschaften einer Figur bei Zentralprojektion erhalten bleiben, z.B. die Inzidenz. Die grundlegende Abhandlung erschien 1822 unter dem Titel „Traité des propriétés projectives des figures:…“ (Abhandlung über die projektiven Eigenschaften der Figuren). Während seiner offiziellen Tätigkeiten nach 1814 im Ingenieurskorps in Metz, auch bei Fortifikationsaufgaben, arbeitete Poncelet weiter an seinen Ideen, trotz Kritik von Cauchy und anderen, die ihn schwer traf.

Nikolai Iwanowitsch Wawilow (1887–1943)
Ein unbeugsamer Märtyrer

Wawilow stand als Wissenschaftler in hohem Ansehen und war nur aus politischer Sicht ein Außenseiter; genauer gesagt,in der Perspektive einer Politik,die bestimmen wollte, was als wissenschaftlich zu gelten hat und was nicht, und die sich unbequemer Geister einfach entledigte. Der russische Forscher beugte sich dem Diktat einer verbrecherischen Ideologie nicht und bezahlte dafür mit seinem Leben. „Sein Name steht nicht nur für wissenschaftliche Erkenntnisse und Fortschritte, sondern auch für die Tragik
eines Wissenschaftlerlebens unter stalinistischer Willkürherrschaft. Sein Leiden und sein Tod überschatten das Wissen um seine Verdienste“.
Nikolaij Iwanowitsch Wawilow war Botaniker, Pflanzenzüchter, Genetiker, Evolutionsforscher und Geograf. Als eifriger Forschungsreisender besuchte er in nur zwölf Jahren (von 1921 bis 1933) etwa 40 Länder, unter anderem Afghanistan, Äthiopien, China und den Iran, erforschte Kulturpflanzen und sammelte Saatgut. Rund 50.000 Exemplare von Varietäten verschiedener Pflanzen brachte er in die Sowjetunion zur weiteren botanischen Bearbeitung und zur Prüfung ihrer Eignung als Nutzpflanzen. Selbst unter heutigen Bedingungen wäre seine Reisetätigkeit eine gewaltige Leistung.
Wawilow wurde am 25. November 1887 in Moskau geboren. Sein Vater stammte aus der Familie eines leibeigenen Bauern, machte aber eine glänzende Karriere als Kaufmann und wurde Direktor einer Handelsdelegation sowie stimmfähiges Mitglied der Moskauer Stadtbehörde. Nikolai hatte drei Geschwister, die alle Gelehrte wurden (sein jüngster Bruder war ein ausgezeichneter Physiker und Präsident der Akademie der Wissenschaften der UdSSR). Schon früh begann er, sich mit wissenschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Nach dem Besuch einer Handelsschule ging er auf die Landwirtschafts- und Forstakademie seiner Heimatstadt. Er absolvierte die Akademie im Jahr 1910. Im selben Jahr erschien seine erste wissenschaftliche Arbeit (über Pflanzenschäden durch Schnecken), die mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Damit waren schon seine hauptsächlichen Interessen umrissen: die Nutzung der pflanzlichen Ressoucen der Erde im Dienste des Menschen. 1913 und 1914 arbeitete Wawilow in England über Pflanzenzüchtung und Gartenbau. Auf seiner Rückreise nach Moskau besuchte er Frankreich und Deutschland und machte sich mit verschiedenen botanischen und pflanzenzüchterischen Methoden und mit evolutionsbiologischen Fragen vertraut. Wieder in Russland, führte er verschiedene Untersuchungen zur Immunität und Vererbung von Pflanzen und zur Herkunft des Kulturroggens durch.
Wawilows weitere Laufbahn verlief ziemlich steil. 1917 erhielt er eine Professur für speziellen Ackerbau und Genetik in Saratow, einer heute etwa eine Million Einwohner zählenden Universitätsstadt an der Wolga, wo er auch Leiter einer von ihm gegründeten Forschungsstelle für angewandte Botanik und Züchtungsforschung wurde. Von 1921 bis 1929 war er Professor für Genetik und Züchtungsforschung des Leningrader landwirtschaftlichen Instituts. Ein Jahr später stellte er sich an die Spitze des Laboratoriums für Genetik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und wurde 1933 Direktor des nach seiner Konzeption geschaffenen Instituts für Genetik. Seine ausgedehnten Forschungsreisen führten dazu, dass er(1931)zum Präsidenten der Russischen Geographischen Gesellschaft gewählt wurde. Wawilow stand mit vielen internationalen Botanikern, Genetikern und Evolutionsforschern seiner Zeit in Verbindung und hielt vielbeachtete Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen in Berlin, Rom, Cambridge und New York.
Der Naturforscher, der als gutmütig und hilfsbereit beschrieben wird, arbeitete unermüdlich und veröffentlichte in rund 30 Jahren über 477 wissenschaftliche Arbeiten. Daneben übte er – als Institutsgründer und -direktor sowie als Mitglied verschiedener Kommissionen und Komitees – in ungewöhnlichem Umfang administrative Tätigkeiten aus, wozu auch viele Dienstreisen gehörten. Wawilows Mut und Liebe zur Wissenschaft, seine Konsequenz beim Anstreben seiner Ziele und sein Pflichtgefühl waren Eigenschaften, die damals für viele gebildete Menschen in Russland charakteristisch waren. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn war sein Einfluss enorm, und in den 1920er-Jahren wurde er wahrscheinlich auch von der sowjetischen Staatsführung unterstützt. Seine Situation änderte sich aber grundlegend mit der erstarkenden Macht Stalins und der immer mehr um sich greifenden sowjetischen Staatsideologie.
Eine der Säulen dieser Ideologie war die Auffassung, dass individuell erworbene Eigenschaften eines Lebewesens direkt an dessen Nachkommen weitervererbt werden können. Für die Pflanzenzucht hätte das eine sehr schnelle Verbesserung des Saatguts bedeutet. Diese Hoffnung sollte sich für die sowjetische Landwirtschaft zwar als verheerend herausstellen, doch wollten die Exekutoren der stalinistischen Staatsführung davon nichts wissen. Sie begannen Biologen, die – wie Wawilow – das Gegenteil jener Auffassung vertraten und glaubten, es beweisen zu können, systematisch zu verfolgen. Dies ist ein besonders trauriges Kapitel der russischen Wissenschaftsgeschichte und der Wissenschaftsgeschichte überhaupt. Eine unselige Verbindung von Biologie und Ideologie führte dazu, dass im Rahmen der stalinistischen Säuberungsaktionen viele Wissenschaftler ihrer Arbeitsmöglichkeiten beraubt, in Arbeitslager verschleppt oder ermordet wurden. Wawilow ist das wohl prominenteste Opfer unter ihnen.
Mit der wachsenden Machtfülle Stalins kam die Zeit des Trofim D. Lyssenko (1898–1976), eines Genetikers und Agrarbiologen, der ein geradezu idealer Propagandist war und daher auch schnell Karriere machte. Lyssenko wollte den Einfluss der „amerikanischen“ Genetik in der Sowjetunion eindämmen und unterbinden. Seine Auffassung von Vererbung und Evolution, der Lyssenkoismus – der im Übrigen auch in der Deutschen Demokratischen Republik propagiert wurde –, besagte, dass sich die Entstehung neuer Eigenschaften bei Organismen durch die Umwelt steuern lässt und genetische Anlagen keine Rolle spielen, da sie ja gar nicht existieren würden. Damit kam Lyssenko zu Ämtern und Würden und überlebte seine Widersacher; was ihm freilich keine große Anstrengung bereitete, da diese, einer nach dem anderen, den stalinistischen Exzessen zum Opfer fielen. Jahrelang war Lyssenko sozusagen der Diktator der sowjetischen Biologie und ist ein Paradebeispiel für den Machtmissbrauch in der Wissenschaft. Während Wawilow richtig erkannt hatte, dass das Ernährungsproblem der Menschen langfristig nur durch genetische Vielfalt von Nutzpflanzen zu lösen sei, waren die „Lyssenkoisten“ von der schnellen Ertragssteigerung durch gezielte Umwelteinwirkungen überzeugt – und führten letztlich nicht nur die Biologie, sondern auch die russische Landwirtschaft in eine Katastrophe. Aber diese Einsicht kam spät, für Wawilow zu spät.
Wawilow blieb standhaft und brachte sogar den Mut auf, Lyssenko offen entgegenzutreten. Die erzielten wissenschaftlichen Ergebnisse sprachen für ihn und gegen den Lyssenkoismus. Er und seine Schule konnten die Unhaltbarkeit von Lyssenkos Vorstellungen und Empfehlungen an die Regierung experimentell beweisen. Sein Ziel war, das Ernährungsproblem durch Ausnutzung der genetischen Potenziale der Kulturpflanzen und ihrer wildwachsenden Verwandten zu lösen. Er war dabei auf dem richtigen Weg, aber das interessierte in der Sowjetunion eben bald nicht mehr. Es ist paradox, dass Wawilow zu Beginn seiner Laufbahn Lyssenkos Arbeiten über Entwicklungsphysiologie der Pflanzen positiv wahrgenommen hatte. Nun aber stand er vor einem ideologisch übermächtigen Gegner. Da er Konflikte mit der Staatsführung – verständlicherweise – vermeiden wollte, war Wawilow zunächst bestrebt, seine Auseinandersetzungen mit Lyssenko auf rein wissenschaftlicher Ebene zu führen, was ihm aber nichts nutzen sollte. Denn die sowjetische Staatsführung begann, gegen die Wawilow-Schule Strafmaßnahmen zu ergreifen. Verhältnismäßig harmlos war dabei noch, dass der für 1937 in Moskau geplante Internationale Genetiker-Kongress, dessen Präsident Wawilow sein sollte, von der Regierung verboten wurde. (Der Kongress fand 1938 in Edinburghstatt, Wawilow wurde zu seinem Ehrenpräsidenten gewählt.) Die nachfolgenden Ereignisse waren alles andere als harmlos. Wawilow wurde am 6. August 1940 festgenommen, seine Institute wurden geschlossen und seine Mitarbeiter entlassen oder ebenfalls inhaftiert. Der Forscher war standfest geblieben und hatte gemeint, lieber auf dem Scheiterhaufen brennen zu wollen als seine Überzeugungen zu verraten.
So kam es auch. Zwar wurde Wawilow nicht verbrannt, sondern starb am 26. Januar 1943 im Gefängnis von Saratow den Hungertod. Drei Jahre lang musste er in stalinistischen Kerkern Höllenqualen erleiden; er wurde bei Verhören gefoltert. Am 9. Juli 1941 war er in einem nur Minuten dauernden „Prozess“ vom Militärkollegium des Obersten Gerichtshofs der UdSSR der Sabotage gegen die sowjetische Landwirtschaft und Spionage für England für schuldig befunden und zum Tod durch Erschießen verurteilt worden. In seinem letzten Brief an den obersten Sowjet bat er um Begnadigung und die Erlaubnis,im Gefängnis auf dem Gebiet der Pflanzenzüchtung zum Wohle seines Landes weiter arbeiten zu dürfen. Nach seinem Tod wurde er in ein Massengrab für Häftlinge geworfen, und 15 Jahre lang (ab seiner Verhaftung) war in der Sowjetunion selbst die Erwähnung seines Namens tabu. Erst 1955 wurde er offiziell rehabilitiert.
Wawilow war über viele Jahre ein im In- und Ausland hoch angesehener Naturwissenschaftler. Er war Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Akademien, und in seinem Heimatland wurde ihm 1926 der Leninpreis verliehen, die höchste Auszeichnung für einen Gelehrten in der UdSSR. Er war akademisch bestens etabliert und somit alles andere als ein Außenseiter. Aber er wurde zum Opfer einer ideologisch begründeten, staatlichen Willkür, und es passierte ihm das Schlimmste, was einem zum Außenseiter gestempelten Menschen (und generell einem Menschen) widerfahren kann: die Verurteilung zum Tod. Dass Wawilow letztlich nicht hingerichtet wurde, sondern verhungerte, ändert daran natürlich gar nichts; es umhüllt sein Lebensende noch mit besonderer Tragik.
Anlässlich seines hundertsten Geburtstags 1987 erwies ihm Russland posthum Ehrungen mit einer Reihe von wissenschaftlichen Veranstaltungen, an denen Genetiker und Pflanzenzüchter aus vielen Ländern teilnahmen. Die russische Post ehrte ihn mit der Herausgabe einer Sonderbriefmarke. Dieses Jubiläum wurde von der UNESCO in den Kalender von Gedenkdaten aufgenommen und auch außerhalb Russlands – in England, in der Tschechoslowakei, in Bulgarien und in der Deutschen Demokratischen Republik – feierlich begangen. Heute tragen verschiedene Institute seinen Namen, und sowohl die Wawilow-Preise als auch die Wawilow-Medaille erinnern an ihn. „Mögen wir in unserer Erkenntnis noch so weit voranschreiten, eins bleibt doch immer erhalten – die Erinnerung an die heroische Gestalt eines großen Gelehrten, der im Kampf für die Freiheit des menschlichen Geistes, für seine wissenschaftlichen Überzeugungen den Märtyrertod auf sich genommen hat“. Für manche Ohren klingt das vielleicht etwas pathetisch. Und man sollte auch meinen, dass es sich nicht lohnt, für irgendeine auch noch so gute Überzeugung den eigenen Tod in Kauf zu nehmen. Aber wir können aus Wawilows Schicksal etwas über die unglückliche Verwicklung von Wissenschaft und Ideologie lernen. Und nicht zuletzt über die Macht, die Ideologien über die Wissenschaft ausüben können und lange Zeit ausgeübt haben. Man bedenke: Zwischen dem Tod Wawilows und der Hinrichtung Giordano Brunos liegen beinahe 350 Jahre! Aber das Thema ist nach wie vor aktuell. Zwar wird heute – jedenfalls in unseren Breitengraden – niemand seiner wissenschaftlich begründeten Überzeugungen wegen zum Tode verurteilt, doch steht die Wissenschaft inzwischen unter einem bedenklichen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Druck. Seien wir also auf der Hut …

zitiert aus
Franz M. Wuketits
Außenseiter in der Wissenschaft
Pioniere – Wegweiser – Reformer

Bildergalerie:

Der CD-Covertext zu „Zhalejka – Folklore aus St. Petersburg“ von Thorofon:

Wir trafen uns zum ersten Mal im Herbst 1991 in St.Petersburg. Wir hatten da ein Konzert, und sie machten das Vorprogramm. Endlich einmal nicht Kalinka, sondern das, was in den Dörfern beim Volk wirklich lebendig war… Anschließend zogen wir in die Musikhochschule, einen Bau, dem man die große Vergangenheit noch ansehen konnte, aber überall verfiel er. Räume und Gänge waren verwahrlost, Lichter brannten nicht, nackte Glühbirnen an den Decken waren defekt. Aber ganz hinten im Gebäude, hinter endlosen Gängen, war dann ein gemütlicher Raum, voll mit Instrumenten. Hier waren die Zhalejkas „zu Hause“, und die Instrumente waren ihre musikalische Heimat: selbstgebaute und in den Dörfern gesammelte, und sie zeigten sie uns voller Freude und spielten auf ihnen, ließen uns spielen. Daß da verschiedene Balalaiken waren, hatten wir erwartet, auch das Bajan, das russische Akkordeon, aber die Swirel, eine Flöte, das Wladimir, ein Horn, die Zhalejka, eine Schalmei, dies alles in den verschiedensten Formen, und die vielen urtümlichen Schlagzeuge – die hatten wir nicht erwartet. Sie waren von den Zhalejkas weit draußen im Lande gesammelt worden, und wo es keine spielfähigen Instrumente mehr gab, bauten sie sie nach den Vorbildern neu. Wir feierten dann ein schönes Fest mit vielen russischen und deutschen Liedern und Tänzen. Natürlich luden wir die Zhalejkas zu uns nach Deutschland ein, aber es war schwer für sie zu kommen. Zwar gab es nun keine Probleme mehr mit den Grenzen, aber dafür mußte die Fähre in westlicher Währung bezahlt werden, und dabei konnten wir nur wenig helfen. In Deutschland entstand dann diese erste Schallplatte der Gruppe Zhalejka. Möge sie helfen, die Verbindungen zum wirklichen Rußland zu stärken und die Verständigung zwischen dem Osten und dem Westen Europas zu fördern.

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