Uljanowsk (Simbirsk)

Tag Zehn: Ein Vormittag in Uljanowsk (Simbirsk)

Unser Spruch des Tages:
Wende dein Gesicht der Sonne zu,
Dann fallen die Schatten hinter dich.

Simbirsk wurde 1648 als Grenzposten des russischen Reichs am West-Ufer der Wolga gegründet und spielte im Handel mit Asien eine wichtige Rolle. Die heutige Großstadt entstand als Festung auf einem Berghang, von dem die Wolga stromauf und stromab gleichermaßen gut einzusehen war. Auf der anderen Seite der Anhöhe fließt in entgegengesetzter Richtung die Svijaga. Der Kreml von Simbirsk gehörte einst zu den am besten befestigten russischen Forts an der Wolga. 1864 vernichtete ein verheerender Brand den Kreml und so gut wie alle hölzernen Bauten der Stadt.

Die beiden russischen Volkslieder in dem Video heißen: „Die Wolga hinab“ und „Barynja“.

Wir erreichten Uljanowsk um ca. 10 Uhr. Die Busse fuhren sofort nach unserer Ankunft mit uns auf die Anhöhe, auf der Simbirsk, die „Stadt der Winde“, gelegen ist. Auf ca. 80 m über der Wolga und der Umgebung war für die Stadtgründer nicht nur der Überblick über die Wolga gewährleistet, sondern es wehte auch öfter eine frische Brise als in der flacheren Umgebung. In der Leninskaja steht das Haus, in dem die Uljanows von 1878 bis 1887 wohnten. Uns wurden alle Zimmer des Hauses mit originaler Möblierung, wie uns versichert wurde, gezeigt – außer Klo und Küche. Interessant war lediglich wie damals in Simbirsk die Honoratioren der Stadt wohnten, zu denen auch der Ilja Uljanow gehörte, er war zunächst Inspektor und später Direktor der Volksschulen des Gouvernements Simbirsk. Die Leninskaja war mit noch gut erhaltenen  Häusern der sogenannten „Besseren Leute““ von Simbirsk gut bestückt, schade dass wir sofort nach der Besichtigung des Uljanow-Hauses zum eigentlichen „Höhepunkt“ der Stadt, dem einstigen Standort des nicht mehr erhaltenen Kremls und des heutigen „Memorialkomplexes W. I. Lenin“ weiter zogen.

In einem kleinen Park gegenüber dem Gymnasium, dessen Direktor Kerenskis Vater war, und in das Wolodja Uljanow zur Schule ging, hat Nikolai Karamzin – verkleidet als Clio, die Muse der Geschichte – seinen Platz gefunden. Die beiden Basreliefs am Sockel des Denkmals beschreiben zwei Episoden seines Lebens: Links ist er der Lehrer des jungen Thronfolgers Alexander, rechts verschüttet eine allegorische Gestalt Gold aus einer Amphora. Karamsin war schwer krank und hatte nicht die Mittel, dem Rat seiner Ärzte zu folgen und nach Italien zu reisen. Die Familie wandte sich an Zar Nikolaus um Unterstützung, der erst half, als der Gelehrte bereits im Sterben lag. Etwas weiter sitzt Iwan Gontscharow in Gedanken versunken auf seinem Sockel. Übrigens hat Nikolai Karamsin den russischen Buchstaben Ё erfunden. Im Artikel Der arme russische Verwandte der Moskauer Deutschen Zeitung kann man alles über die Geschichte dieses Buchstabens und über dessen Denkmal in Uljanowsk erfahren. [Die Hinweise auf die Links verdanke ich Frau Doris Jähmlich, einer Mitreisenden dieser erlebnisreichen Kreuzfahrt]

Hinter dem Gymnasium kann man sich über einen in Nachdenken – worüber wohl und warum gerade hier? – versunkenen Karl Marx Gedanken machen.

Uljanowsk (Simbirsk)

Wir spazierten längs der Wolga auf der „Kronen-Promenade“. Aus etwa 80 Meter Höhe blickt man auf die Wolga, die 1915 errichtete Eisenbahn- und Straßenbrücke und das jenseitige Ufer. Die Bauten am Horizont sind eine Wohnsiedlung und ein Flugzeugwerk. Ein wenig abseits stehen nebeneinander das Gebäude der Landwirtschaftlichen Akademie und das 1912 aus Anlass des 100. Geburtstages von Gontscharow errichtete und nach ihm benannte Heimatkundemuseum. Einige Schritte weiter befindet sich eine Bibliothek. Hinter ihr, an der Allee zum Lenin-Gedenkmuseum hat die nach dem Vater Lenins, Ιlja Uljanow, benannte Pädagogische Universität ihr modernes Hauptgebäude. In gewisser Hinsicht ist das Ensemble zwischen dem Paradeplatz vor dem ehemaligen Gebietskomitee der Partei bis zum Lenin-Memorialkomplex, zu dem wir geführt wurden, ein architektonisches Abbild Russlands vom 19. Jahrhundert bis heute.

Der Lenin-Memorialkomplex liegt auf der Anhöhe, auf der einst der 1864 abgebrannte und nie wieder aufgebaute Kreml stand. Diese Anhöhe heißt „Венеч“ (Krone, Kranz). Gigantisch und imperial in seinen Ausmaßen ist das im Neoklassizismus der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts errichtete Gebäude der ehemaligen Gebietsverwaltung der Kommunistischen Partei mit dem Paradeplatz davor. Einst befand sich etwa an gleicher Stelle die ebenfalls monumentale Dreifaltigkeits-Kathedrale. Offensichtlich hat dieser Platz auch im Sowjet-Kommunismus seine religiöse Bedeutung nicht verloren.
Vom Platz führt eine mit Edeltannen und Blumenrabatten gesäumte Allee zum etwa 500 Meter entfernten Lenin-Memorialkomplex, einem Betonbau der Breschnew-Ära. In seinem Zentrum befinden sich das demontierte und hier aufgestellte Geburtshaus Lenins sowie zwei weitere Wohnhäuser der Familie.
Dahinter, im Schatten des Gebäudes, steht eines der eindrucksvollsten Lenin-Denkmale: Der kleine Wolodja mit seiner Mutter. Die Sammlung des Museums besteht aus einem Diorama des historischen Simbirsk zur Zeit von Lenins Geburt und tausenden Devotionalien. Lenin auf allem, was man sich denken kann oder auch nie erwartet hätte: Tassen, Tellern, Teppichen, Leinwänden, Vasen, Münzen, Ansichtskarten, Mammutknochen und Skulpturen unterschiedlicher Größe. Unübertroffen kitschig ist eine in zartgoldenen und orangefarbenen Tönen ausgeleuchtete Gedenkhalle in einem Seitenraum mit einer überdimensionalen Lenin-Figur im Zentrum: Uljanowsk (Simbirsk)Bevor wie in die Busse stiegen entdeckte ich noch vor der Pädagogischen Universität ein Standbild des Helden Russlands  Dmitri Rasumowski, Soldat einer Antiterroreinheit, der im Chaos des Terroranschlags auf die Schule in Beslan getötet wurde.

Müsste ich mich entscheiden, entweder Samara oder Uljanowsk zu besuchen, würde ich mich, trotz des aufdringlichen Leninkultes, für Uljanowsk entscheiden.

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