Susdal in Russland

Musik von Nikolai Rimsky-Korsakow: „Russische Ostern“ op. 36,

aus der Partitur per MIDI zum Leben erweckt mit den gesampelten Damen und Herren des „Kirk Hunter Diamond Orchestra

SUSDAL ist eine der ältesten russischen Städte. Vor mehreren Jahrhunderten geriet sie in Vergessenheit, um aber in unseren Tagen zu einem neuen Leben zu erwachen. Heute wird Susdal von Tausenden und aber Tausenden Touristen aufgesucht. Hier, in Susdal, hat man die Gelegenheit, das bewundernswerte Können der russischen Baumeister und Ikonenmaler, Holzschnitzer und Steinmetzen, Metallstecher und Goldschmiede kennenzulernen und sich mit hervorragenden Baudenkmälern und Erzeugnissen aus dem 13. – 18. Jahrhundert bekanntzumachen. In den letzten Jahren werden in Susdal umfangreiche Restaurationsarbeiten durchgeführt. Man errichtet hier auch moderne Hotels, Restaurants, „Schenken“ und ”Kneipen“ und legt Campingplätze an, um zahlreiche In- und Auslandstouristen aufnehmen und bewirten zu können.
Die Stadt liegt auf einer langgestreckten Anhöhe, inmitten von Feldern, die sich bis an den Horizont hinausdehnen. Unzählige Kirchen und Türme mit verschiedenartigen Kuppeln verleihen der Stadtsilhouette ein einmaliges und eigentümliches Aussehen. Weiße Kathedralen und rosafarbene Mauern zeichnen sich gegen den Hintergrund des üppigen Grüns von Obstgärten ab. Es ist eine märchenhafte „Denkmälerinsel“ in der Mitte des sogenannten Susdaler Vorfeldes („Opolje“), des fruchtbaren Ackerlandes und eines Objektes der zahllosen Streitigkeiten und Fehden der Fürsten von Susdal im Frühmittelalter. Das „Opolje“ war lange vorher besiedelt und spielte eine ausschlaggebende Rolle bei der Ausbreitung von slawischen Stämmen nach Nordosten, bis an die Wolga hinaus.
Von weit her scheint Susdal eine große Stadt zu sein. Das ist aber ein Irrtum, hervorgerufen durch die vielen Denkmäler auf einem kleinen Terrain (etwa siebzig auf 2,5 km2 Fläche). Man versteht wohl einen Reisenden aus dem 19. Jahrhundert, der schrieb: „Wenn das Glockengeläut aller Kirchen sich über die Umgebung ergießt, glaubt man nach einer Stadt zu kommen, die nicht kleiner als Moskau ist“.
Näehert man sich sich der Stadt von Kostroma aus an, passiert man eine kleine Brücke über das Flüßchen Mshara und erblickt auf seinem rechten Ufer die vielen kleinen Hügel einer Kurgangrabstätte – den alten Susdaler Friedhof. Hier ruhen die Bürger Susdals aus dem 12. – 14. Jahrhundert. Die zwei steinernen Obelisken beiderseits der Straße erinnern an die Regierung der Kaiserin Katharina II., die Susdal zu einem Landkreiszentrum im Gouvernement Wladimir zu ernennen befahl. Aus diesem Anlass wurden 1788 die beiden Obelisken errichtet, die auch die äußerste Grenze der Stadt bezeichnen sollten.
Fast zwei Jahrhunderte sind seit jener Zeit vergangen, aber die Stadt hat sich bis in unsere Tage hinein über diese Grenze hinaus kaum ausgebreitet.
Früher lagen rings um den Susdaler Kreml 13 Kloster. Viele von ihnen wurden im 18. Jh. säkularisiert und in die Stadtkirchen verwandelt, womit die architektonische Palette der städtischen Gotteshäuser noch reicher wurde.
Im 17. und 18. Jh. entstanden an Stelle der abgebrannten Holzkirchen allmählich neue aus Stein, und seitdem erstarrte Susdal und verewigte gleichsam seine architektonische Gestaltung, die schönen Werke von Baumeistern der alten Zeiten.
In ihren Hauptformen sind die Susdaler Denkmäler einander ähnlich, obwohl sie doch zwei Grundtypen aufweisen: die „kalten“ Stadtkirchen (für Sommerzeit) und die „warmen“ Kirchen. Die ersten stellen einen Kubus mit einem vierseitigen Dach, einem Altar an der östlichen und einer Vortreppe an der westlichen Seite dar. Das Gebäude wird durch eine oder fünf Kuppeln vollendet. Der zweite Typ ist sehr einfach: eine kleine Kirche mit einem zweiseitigen Dach, eigentlich eine Wiederholung der Formen rechteckiger Holzhäuser in Steinbauweise. An ihrer westlichen Seite hat solche Kirche einen Glockenturm – ein ”Achteck auf Viereck“ – mit Zeltdach.
Trotz aller Ähnlichkeit in den Hauptformen ist jedes Denkmal dank seiner mannigfaltigen Architektur und dem Variationsreichtum sowie der Harmonie der Steinmuster ein etwas einzigartig Dastehendes. In Susdal gibt es keine einzige Kirche, die einer der übrigen ähnlich aussieht. Mehr noch: Selbst die Formen der Kuppeln der in Susdal vorhandenen Ein-, Drei- und Fünf-Kuppeln-Kirchen sind sehr verschieden. Die einen sind zwiebel- oder helmförmig (typisch für Susdal), andere rüben- oder melonenartig, wieder andere erinnern an eine schmucke Barockvase.
Von großem Interesse sind auch die Glockentürme. Ihre Formen reichen von den strengen Geraden des Glockenturms des Alexander-Klosters bis zu den konkaven Linien der Bogojawlenskaja-Kirche mit dem nadelförmig auslaufenden Dach des Glockenturms.

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In den letzten Jahren hat sich Susdal durch Denkmäler der volkstümlichen Holzbaukunst bereichert. Heute steht im Kreml die vom Dorf Glotowo gebrachte Nikolskaja-Kirche (1776). Gegenüber dem Kreml, auf dem hohen Ufer der Kamenka, erheben sich nun die Preobrashenskaja-Kirche (1756) aus dem Dorf Kosljatjewo und die Woskressenskaja-Kirche aus dem Dorf Potakino.
Hinter den Feldern liegt in der Ferne das Dorf Kidekscha. Dieses alte Dorf verfügt über Baudenkmäler aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Einst war Kidekscha die ersten Residenz des Fürsten Juri Dolgoruki, und es hielt den Flußweg von Susdal unter seiner Kontrolle.
Hier wurde 1152 die Boris-und-Gleb-Kirche errichtet, die bis in unsere Zeit hinein besteht. Sie ist fast am Rande des Nerl-Ufers erbaut, und ihr herbes Mauerwerk aus weißem Stein tritt noch nicht durch verfeinerte Meisterschaft der Susdaler Steinschnitzer hervor.
Das Gotteshaus hat viele Unbilden erlebt. Bei dem Überfall der Tataren unter Batu-Khan wurde es schwer beschädigt. 123(9) ließ der Rostower Bischof Kirill die Kirche wieder instand setzen. Aber danach wurde der Bau stark vernachlässigt. Die Kirche war lange Zeit ohne Dach, und ihre Gewölbe wie auch die Kuppel stürzten ein. Erst im 16. – 17. Jh. wurde sie wiederhergestellt, wobei man den alten weißen Stein verwandte. Aber der östliche Teil des Gebäudes wurde nicht restauriert; man schloß die Kirche oben mit einem vierseitigen Dach und einer kleinen Kuppel ab, die dem ursprünglichen Äußeren des Bauwerks gar nicht entsprachen. Auch die Fenster wurden damals umgebaut.
Und wenn Sie von Kidekscha Abschied nehmen und noch einmal von dem Fluß einen Blick auf die Gruppe der Kirchen werfen, die zwar nebeneinander stehen, aber zeitmäßig durch fünf Jahrhunderte voneinander getrennt sind, empfinden Sie sie wieder als ein einziges Ensemble – so sorgsam setzten die Nachfolger die Gedanken und Vorhaben der vor ihnen gelebten Baumeister fort.

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